Matthies meint : Die schöne Kunst des Anbieterwechsels

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Verdammt schwer heutzutage, ein mündiger Verbraucher zu sein. Einfach alles so weiterlaufen lassen wie gestern? Das ist schlicht 20. Jahrhundert. Der moderne Kunde pflegt den Anbieterwechsel, durchkämmt den Markt mit der geballten Macht, die ihm das Internet bietet, reagiert blitzschnell auf jede Chance. Am Freitag hat der Bundesrat ihm eine weitere Bresche geschlagen: Die Kündigungsfrist für Stromverträge soll bald von vier auf zwei Wochen verkürzt werden.

Wie müssen wir uns diesen hypersensiblen modernen Verbraucher vorstellen? Schon morgens, wenn wir gereiften Marktversager noch planlos in der Zeitung blättern, filzt er bereits die aktuellen Tarife, checkt den Benzinpreis und geht die verschiedenen Alarmmeldungen durch, die er sich aufs Handy geleitet hat. Grüner Strom von den Stadtwerken Bietigheim-Bissingen jetzt drei Prozent billiger als bei Durchblick! Snukklig Erdgas jetzt für kurze Zeit mit 89 Euro Schnellbestellerbonus! Bau dir deine Flatrate zum Lieblingstarif!

Eins haben diese Preishektiker zweifellos erreicht: Jeder hat ein schlechtes Gewissen, der es zu blöd findet, seine Verträge permanent anzupassen. Ein nur sechs Monate alter Handyvertrag ist nämlich so gut wie sicher rausgeschmissenes Geld, Festnetz und Internet sowieso. Irgendwo im Regal lagern die Verträge mit den Kundennummern, ohne die wir uns den Umstieg und das zweistündige Warten in der Kunden-Hotline ohnehin schenken können. Wenn es endlich klappt, ist der Stichtag für die Kündigung gerade verpasst, wir freuen uns, Sie weitere zwölf Monate mit einem unverschämten Uralt-Tarif schröpfen zu dürfen, mit freundlichen Grüßen. Und da halten uns die Verbraucherzentralen, von denen diese Hektik ausgeht, nun immer vor, wir Deutschen seien „Wechselmuffel“.

Beim Strom ist die Kündigungsfrist nun immerhin auf zwei Wochen geschrumpft. Ho, das wird den Konzernen das Leben schwer machen! Aber es kann nur ein Anfang sein. Täglich, ach was: Stündlich wollen wir das Billigste, den Vorzugstarif, so billig wie der jeweilige Bundespräsident. Wozu hat die Steckdose zwei Löcher? Da kann doch aus jedem anderer Strom kommen, wir nehmen immer den, der gerade günstiger ist. Und wenn morgens ein zwielichtiger Typ klingelt und grad ein paar hundert Kilowattstunden auf dem Laster hat, bitte, her damit.

Nicht wahr: Es war schön, so um 1970 herum, als alles noch seinen Preis hatte. Und nur den einen.

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