Matthies meint : Die SPD erledigt die Zukunft

Die SPD hatte die Wahl: Einen Konvent wollte sie veranstalten, eine Art säkularen Kirchentag, an dessen Ende die Mitglieder befreit die Argumentationshilfen von sich werfen und in Zungen sozial zu reden beginnen. Aber wie sollte er heißen? Vergangenheitskonvent? „Äh, bloß nicht schon wieder Marx und Moritz!“ (Der kleine Kevin von der Kitagruppe „Rosas Ernst“, Niederrad.) Gegenwartskongress? „Bleibt mir weg mit der Gegenwart!“ (K. Beck, Vorsitzender.) Blieb also nur die Zukunft – und deshalb findet heute in Nürnberg also der Zukunftskonvent der SPD statt.

Doch wodurch zeichnet sich diese Zukunft aus? Das Motto des Konvents besagt: „Deutschland Dialog – nah bei den Menschen“. Kein Berlin-Monolog, auch kein Wahlkampfgeschwätz, nein: Die Deutschen müssen künftig damit rechnen, ständig aus der Nähe angehauen und zum programmatischen Zwiegespräch gezwungen zu werden: „Guten Tag, ich verkaufe die neue Ausgabe des ,Vorwärts‘, sie kostet einen Euro, fünfzig Cent davon gehen an die Programmkommission der SPD …“ Möglich, dass, wenn wir nach Hause kommen, der örtliche Dialogbeauftragte ganz nah am Esstisch oder schon in der Badewanne sitzt und uns ein Gespräch über die Perspektiven der Bürgergesellschaft aufnötigt.

Hauptthema des Konvents, natürlich: die Linke. Im Programm ist eine dreistufige Beschwörung vorgesehen: Es beginnt Kurt Beck, der den Zuhörern versichert, an seiner Erklärung, es habe sich nichts daran geändert, dass es keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei gebe, werde sich auch in Zukunft nichts ändern. Andrea Nahles bekräftigt dann feierlich, dass diese Aussage auch für Vergangenheit und Gegenwart gelte, und schließlich reißen beide das Programm der Linkspartei in kleine Fetzen, setzen diese in Brand und trampeln anschließend zusammen mit Gesine Schwan darauf herum.

Weiter verständigt sich der Konvent durch Akklamation darauf, den Namen „Oskar Lafontaine“ durch „Ihr wisst schon, wer …“ und den Namen „Gregor Gysi“ durch „IM Notar“ zu ersetzen. Schließlich wählt ein Expertenforum die beste soziale Frage. Es gewinnt: „Sollen die Reichen ärmer werden?“ Die Zukunft ist erledigt, die Zuhörer gehen zufrieden nach Hause. War schön in Nürnberg!

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