Matthies meint : Die Wahrheit über Bunga-Bunga

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Es ist immer gut, nicht einfach so daherzuschwatzen, sondern sich auf die Erkenntnisse international renommierter Spitz- und Steilgrübler zu berufen. Die sagen das, was man sagen möchte, viel substanzreicher und komplizierter. Nein, ich denke jetzt weniger an Richard David Precht, sondern vor allem an Giorgio Agamben, jenen italienischen Meisterdenker, mit dessen Erkenntnissen unsere Feuilletonisten bedeutsame Texte anreichern, wie man eine Wurstplatte mit Mayonnaise garniert.

Er hat jetzt in der „Liberation“ die Nachkriegsidee eines „Empire Latin“ aufgegriffen, einer Staatengemeinschaft von Frankreich, Italien und Spanien. Gemeinsam könnten diese Länder, getragen von der Kraft des Katholizismus, Europa retten und Angela Merkel, diese zickige Bismarck-Kopie, am Gängelband hinter sich herschleifen …

Nun gut, direkt so hat er es nicht gesagt, aber es lenkte den Blick dann doch auf die Möglichkeiten eines neuen lateinischen Staatenbunds, der in Europa sicher gewaltige Wellen schlagen würde. Aber welche? Jetzt hat in Mailand die Marokkanerin „Ruby“ ausgesagt, wie es in ihrem Beisein in der Villa des einstigen Oberlateiners Silvio Berlusconi zugegangen sei – Bunga-Bunga, so viel ist bekannt, aber was genau bedeutete das?

Es bedeutete: Die eigens bestellten Tänzerinnen mussten sich kostümieren, und zwar als sexy Krankenschwester, als Staatsanwältin Ilda Bocassini oder als Barack Obama, dann um eine Stange herumtanzen und sich dem damaligen Regierungschef verführerisch nähern. Kein Kontakt! Und Sex erst recht nicht.

Da haben wir ihn, den allmächtigen Latin Lover, wie er Europa auf Kurs bringen soll: Juxt sich eins, arbeitet sich an einer Staatsanwältin und an Barack Obama ab und inszeniert harmlose Kostümfeste, von denen man eigentlich sagen müsste: Oh Gott, gut, dass wir keine Milliardäre sind, sonst hätten wir womöglich auch solchen Schwachsinn in der Villa.

Gut, das war 2010, und Agamben ist jetzt. Es mag sein, dass sich Europa seither geändert hat, härter, unversöhnlicher dasteht. Obama ist weit weg, hat genug mit sich selbst zu tun, da wäre es nur natürlich, würde Berlusconi heute ein Merkel-Double zum Tanz an der Stange antreten lassen: der sinnenfrohe Süden gegen den kühl-protestantischen Norden Europas, symbolisiert in einem erotischen Bild. Wir sollten den Philosophen mal fragen, ob er sich das so in dieser Richtung gedacht hat.

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