Matthies meint : Die Welt liebt uns – noch

Wo bleibt denn nun das Positive? Hier ist es: Deutschland. Zugegeben, es war keine gute Woche für den Standort. Dieter Bohlen, ausgerechnet, hat Depressionen zugegeben, und auch Bayern zeigte Schwäche, jenes schöne Land vor den Bergen, wo die Politik noch mit der Hand gemacht wird. Aber doch: Deutschland. Denn seit gestern wissen wir, dass unser Heimatland eine Weltmarke ist, so angesehen wie kein anderes Land in der Welt. Nun ja, das ist Marktforschung, es hat eine große Umfrage gegeben, um herauszubekommen, wie die großen Länder der Welt wahrgenommen werden. Deutschland liegt an der Spitze, Deutschland ist sozusagen die Coca-Cola unter den Ländern, gefolgt von Frankreich (IBM) und Großbritannien (Microsoft).

Lassen wir das einen Moment sinken. Die Leute draußen mögen uns? Das Land der Knobelbecher, Schäferhunde und Glatzköpfe? Den ewigen Pisa-Sitzenbleiber, der die Welt mit ungefähr so vielen Nobelpreisträgern versorgt wie eine halbe US-Universität in einer schlechten Saison? Mit den habgierigen Politikern und ihren Steuerpauschalen? Ach, es scheint, dass sie draußen in der Welt einen anderen Blick haben und allen anderen Ländern im Vergleich größere Schwächen anlasten: Frankreich hat Sarkozy, Großbritannien Labour, und Kanada, der Viertplatzierte, schlechtes Wetter und viel zu viel Raum zwischen den Menschen, der die Nestwärme zerstört. Italien wäre als Sitz vieler Top-Antiquitäten für den Titel infrage gekommen, nur ist es eben nicht in der Lage, den Müll in Neapel wegzuräumen. Und die USA sind sowieso ein Kapitel für sich.

Was hat Deutschland, was andere nicht haben? Eine Weltkanzlerin, gehauen aus eitel Vernunft wie andere Staatsmänner aus einem Granitblock, eine Politikerin, die man sich auf einer Milliardärsjacht in St.Tropez ebenso wenig vorstellen kann wie in der First Class Richtung Karibik, und die ihren Killerinstinkt so sorgsam verpackt, dass er von außen wie ein Seidentäschchen aussieht. Angela Merkel wäre zweifellos in der Lage, auch Namibia unter die Top Ten der angesehensten Länder zu hieven. Die Parallele zu Coca-Cola ließe sich noch ausbauen. Deutschland als süßes Erfrischungsgetränk, abgefüllt auf Abermilliarden von Flaschen, verstreut rund um die Welt, das brächte Geld ohne Ende. Mercola? Cokel?

Aber Vorsicht: die nächste Umfrage kommt rasch. Deutschland auf Platz 64 der coolsten Steueroasen? Auf Platz 126 der umweltbewussten Walfangnationen? Es wird wieder bergab gehen, Leute. Hauptsache, Bohlen und Bayern packen wieder mit an.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben