Matthies meint : Die Worte des erschöpften Jahres

Heiner Geißler hat schon mal rasch gesagt, dass er die Entscheidung gut findet, und damit ist die Sache an sich erledigt. Denn, nicht wahr, er hat ja den Begriff „Stresstest“ praktisch erfunden, und dass die Gesellschaft für deutsche Sprache diesen nun zum „Wort des Jahres“ ernannt hat, macht Geißler irgendwie zum Mann des Jahres.

Sonst hat sich komischerweise bisher kaum jemand zu dieser Entscheidung geäußert, nicht einmal in den berüchtigtsten Internet-Foren, wo sonst ein lässig hingeworfenes „Sarrazin“ oder „Fahrradrüpel“ ausreicht, um stundenlange Keilereien auszulösen. Stresstest, Gott ja, haben wir andauernd gehört, werden wir immer weiter hören, ist schon okay soweit. Jede Überprüfung von irgendwas ist künftig ein Stresstest, wenn die Eltern die Hausaufgaben kontrollieren oder der Autofahrer den Luftdruck nachsieht – so, wie 1997 einfach alles zum „Elchtest“ wurde. Ein Wort übrigens, ohne das wir heute prima auskommen.

Im letzten Jahr war es andersherum: Da hatte niemand vorher das Wort „Wutbürger“ gehört, aber es wurde nach der Adelung zum Wort des Jahres populär, ja es scheint aus heutiger Sicht, als seien es die Wutbürger, die die ganze Stresstesterei überhaupt erst in Gang gesetzt haben. Wer den Stresstest aber nun lau findet, der bedenke die ebenfalls nominierten Alternativen.

„Hebeln“, aha. Da war mal was, es ging um den Rettungsschirm (nominiert 2008), aber keiner hat das Prinzip begriffen. „Arabellion“, ein hübsches Wortspiel, aber spielt es jemand? Merkozy, Burn-out, Fukushima – man wird zusammenfassend sagen dürfen, dass diese Liste das Bild eines Jahres spiegelt, das letzten Endes komplett im Arsch ist. Ach ja: „guttenbergen“.

Hätte es nicht auch was richtig Schönes gegeben, ein Wort, in dem sich der Zeitgeist dermaßen spiegelt, dass es nur so eine Art hat? Mein Wort des Jahres wäre „Vollzeitaktivist/in“ – das moderne Berufsbild eines Menschen, der rund um die Uhr dagegen ist. Gentechnik, Banken, Kohle, Atom, Fleischessen, Irakkrieg, Hauptsache, die Welt retten, egal, was die dazu sagt, auf der Straße, in Talkshows, anketten, auf Stelzen laufen, schottern, occupyen, boykottieren, klimabilanzieren.

Dieser Job wird gegenwärtig noch schlecht bezahlt, aber das kommt, denn in der Rückschau wird sich zeigen, dass aus diesem Holz künftige Kanzler geschnitzt sind. Solche wie Angela Merkel, nur härter. Die jeden Stresstest locker bestehen.

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