Matthies meint : Doppeltes Dirndlgate

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Gerade ist wieder überall SALE, und manch Sprachnostalgiker wird sich sehnsüchtig an die Zeiten des Winterschlussverkaufs erinnern, als er noch nicht umgetauft war auf etwas, was zumindest Italiener eher an ihr Wort für „Salz“ erinnert als an die Möglichkeit, billig ein paar Hemden einzukaufen. Wenn ich richtig sehe, findet niemand das Wort an all den Schaufenstern und Wühltischen richtig schön – aber es hat sich auf wundersame Weise durchgesetzt, weil es kurz und plakativ ist. Und weil der Zeitgeist anscheinend englisch spricht.

Es kommt mir allerdings zunehmend absurder vor, dies immer als Zeichen für den Untergang des deutschen Abendlandes zu nehmen. Natürlich könnte überall dort auch „WSV“ stehen, schon wäre Frieden, und Goethe könnte das Rotieren im Grabe einstellen, zu dem ihn solche Moden ja angeblich zwingen. Aber möchte andererseits irgendjemand, dass wir wieder reden wie er? Klänge ziemlich komisch.

Deshalb ist mir das Anliegen der Aktion „Anglizismus des Jahres“ sympathisch, die nicht pauschal akzeptiert oder verwirft, sondern kühlen Blicks prüft, was sich im alltäglichen Sprachgebrauch tut, und ob es funktioniert. Im Rückblick auf das Jahr 2013 hat kein komplettes Wort gesiegt, sondern die Nachsilbe „-gate“. Die Gesellschaft für deutsche Sprache, die wohl Terrainverluste fürchtet, hat schon grämlich darauf hingewiesen, dass diese Silbe auf Watergate und damit auf 1972 zurückgehe, und dass man das ja auch schon selbst...

Das war nun allerdings auch den Juroren bekannt, aber sie betonen, für ihre Entscheidung habe der Zuwachs an -gates gerade in den Jahren 2012 und 2013 den Ausschlag gegeben. Da ist was dran: Das mit Rainer Brüderle verbundene Dirndlgate war schon das zweite nach dem von 2008, als Magda Beckstein, damals Frau des Ministerpräsidenten, sich weigerte, fürs Oktoberfest ein Dirndl anzuziehen. Es gab Steinbrücks Eierlikörgate und sogar ein Mopsgate: Ein Bronzehund verschwand von der Stuttgarter Loriot-Säule.

Aber brauchen wir diese Neuerung? Nach alter Väter Sitte ließe sich an Dirndl, Mops und ihre Freunde auch „Affäre“ oder „Skandal“ anhängen. Diese Wörter stammen zwar auch aus undeutschen Quellen, sind aber so alt, dass unsere Sprachverteidiger längst Frieden mit ihnen gemacht haben. Aber sie klingen anders: -gate bringt eine hochironische Komponente ins Spiel, lässt den Dampf aus dem Skandal, der ruhig zur Regenbogenpresse abzischen darf, die ihn einst gebar.

Gate? Gut. Aber wir werden dereinst auch wieder ohne auskommen.

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