Matthies meint : Ein bisschen Wind muss sein

Es wird – so viel lässt sich allgemein sagen – viel zu viel Wind gemacht. Um alles. Wäre es möglich, öffentlich geäußerte Erregung in elektrischen Strom zu verwandeln, dann müssten wir uns seit einigen Jahrzehnten ums Atom und die Kohle keine Gedanken mehr machen und könnten auch die Sonne leichten Herzens dahin zurückschicken, wo sie hergekommen ist.

So ist es aber leider nicht. Der Wind bläst, wie er will, und die verzweifelten Versuche, mit ihm Geschäfte zu machen, nehmen zu. Seit 25 Jahren veranstaltet die als grau bekannte Stadt Husum eine internationale Windmesse: Jeder Interessierte kann sich dort einen kleinen Taifun zum Sonderpreis bestellen, kann sich Brisen jeder Größe aussetzen, Orkanen beim Gedeihen zuschauen und Windräder in allen Größen und Formen für den heimischen Kartoffelacker bestellen, günstige Finanzierung eingeschlossen.

Der Erfolg dieser Messe ist auf deutschem Boden seither flächendeckend sichtbar. Das weckt Begehrlichkeiten: Hamburg wollte sich die Messe schnappen, wollte auf eigene Rechnung pusten und spargeln lassen. Regionalkrise! Der nun gefundene Kompromiss ist ein Wunderwerk der Regierungskunst. Hamburg bekommt die internationale Messe und wird sie im Zwei-Jahres- Rhythmus veranstalten – und Husum darf in den Jahren dazwischen eine eigene Messe abhalten, freilich nur eine nationale, deren Winde an den Grenzen der Bundesrepublik Halt machen.

Nun sind sie zornig in Schleswig-Holstein: „Feindliche Übernahme zum Schaden einer ganzen Region“, schäumt der CDU-Fraktionschef, ja, so kennen wir die Hamburger und ihre an Hapag und Lloyd gemahnende Pfeffersacklichkeit. Immerhin: Dem Wind wird nun hoch droben im Norden alljährlich Gerechtigkeit zuteil, er kann blasen, wo er will, solange das Messen-Gleichgewicht anhält.

Andererseits müssen wir auf die kritische Lage der Hauptstadt hinweisen. Nirgendwo wird so viel Wind gemacht wie hier, nirgendwo stehen Ursache und Wirkung ... Also, Husum, Hamburg: Wir gründen jetzt mal rund um den Funkturm eine neue Windmesse. Global! Einschließlich Sonnenwind, Windbeutel und Hüpfburgen. Wir können das, wir sind die Hauptstadt, auch wenn man das von draußen im dichten Wald der Windräder kaum noch sieht – immerhin macht uns das zum idealen Austragungsort. Und was an Energie für diesen Plan noch fehlt, gleichen wir mit großen Sprüchen ganz locker aus.

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