Matthies meint : Einer blickt hoffentlich noch durch

Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt hat Hannelore Kraft die entscheidende Prognose schon vor gut einer Woche abgegeben. „Die Handlungskorridore sind tragbar, sie werden kommen“, sagte sie, und bitte, schon machten sich die Lastenträger der Parteien gehorsam auf den Weg, um die Korridore zu schultern und in die Verhandlungssäle zu tragen, wo sie den Rittern der Schwafelrunde als Brücke und Geländer gleichermaßen dienen.

Ein Korridor, lesen wir bei Wikipedia, ist nicht nur ein langer Gang im Inneren eines Gebäudes, sondern in der Ökologie auch eine Verbindung zwischen isolierten Lebensräumen. Das dort sogleich angegebene Stichwort „Habitatfragmentierung“ lassen wir beiseite, um uns diesen Räumen zu nähern. Zweifellos lassen sich beispielsweise die isolierten Lebensräume von CSU und SPD nur durch sehr lange Korridore erschließen. Aber wenn es gelingt, dann …

Der Gesundheitskompromiss. Soll gefunden sein. Sagt Karl Lauterbach. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass wenigstens er selbst versteht, was die Kommission errechnet hat, aber es muss nicht. Wiederholtes Lesen der Vereinbarung macht nicht unbedingt klüger, es sind allerhand Prozente gegeneinander abgewogen worden, die Kopfpauschale ist vom Tisch, die Arbeitgeber werden geschont, die schwachen Schultern tragen irgendwas, die starken den Rest. Schon sind die Krankenkassen dafür, die Ärzte dagegen. Im Grunde würde es reichen, wenn das jetzt so in einen Regiercomputer eingegeben wird, dann ließe sich der Aufwand für ein richtiges Bundeskabinett sparen. Die Runde würde einfach nach und nach immer neue Kompromisse aushandeln und dann nach vier Jahren verdutzt sagen: Wahlen? Wieso? Schon wieder?

Aber das ist mit Horst Seehofer nicht zu machen. Die bayerischen Unverhandelbarkeiten verstopfen die Handlungskorridore nach wie vor. Die Ausländermaut ist alternativlos, kann aber möglicherweise für die Inhaber einer doppelten Staatsangehörigkeit halbiert werden, wenn die SPD gleichzeitig durchsetzen kann, dass sie einkommensabhängig bei den Beziehern der Grundsicherung als Ausgleich per Abschlagszahlung dem Elterngeld ab dem dritten Kind zugerechnet wird – allerdings unter der Voraussetzung, dass die CSU den Landwirtschaftsminister stellt.

Ja, das ist alles sehr schwer verständlich. Aber notfalls fragen wir einfach Karl Lauterbach. Der blickt voll durch den Korridor.

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