Matthies meint : Einiges etwas billiger, vieles sehr viel teurer

Das große Versicherungsthema im Moment sind die Unisex-Tarife. Halt! Nein! Das hat nichts, absolut gar nichts mit den Belohnungsreisen für Vertreter der Hamburg-Mannheimer zu tun, und es hat erst recht nichts mit einer Belohnungsreise zu tun, die 1998 für Vertreter des „Deutschen Herold“ organisiert wurde – gerade frisch aufgedeckt. Das alles ist vergeben und vergessen, die barbusigen Hostessen, das offenbar auf solche Sachen spezialisierte Hotel „Hedonism II“ auf Jamaika. Heute geht es in der Branche ganz seriös zu, sagt die Branche. Sex als Belohnung muss sich jeder, der ihn haben will, individuell von seinen Provisionen kaufen.

Unisex dagegen, uh. Viel komplizierter! Gemeint ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das es den Versicherungsunternehmen verbietet, Verträge für Frauen und Männer wegen unterschiedlichen Risikos unterschiedlich zu kalkulieren. Anti-Diskriminierung wie aus dem Gender-Seminar.

Nun ließe sich das mit einem Schulterzucken übergehen. Wird halt die eine Versicherung teurer, die andere billiger, das ist Verbraucherrisiko, nicht wahr? Doch der Hase scheint in eine andere Richtung zu laufen: Einiges wird ein bisschen billiger, und vieles wird sehr viel teurer. Heißt es. Das liege daran, dass der Geschlechter-Mix als neues Risiko in die Kalkulation eingehe, heißt es weiter, klar, Mix, neues Risiko, logisch, versteht ja jeder. Und die Botschaft, die daraus folgt, versteht erst recht jeder: Leute, schließt schnell massenhaft neue Verträge ab! Damit, nein, natürlich nicht wegen „Hedonism II“, sondern einfach im Interesse jedes einzelnen Kunden, der zwar Geld ausgibt, aber andererseits ja auch irre spart.

Ob damit nun die Diskriminierung in der Versicherungswirtschaft beendet ist? Da das individuelle Risiko als pfuibäh gilt, sollten die Tarife auf uns alle gleichmäßig verteilt werden. Was zahlt ein 25-Jähriger für eine Krankenversicherung, was ein, ähem, 59-Jähriger? Das wollen wir doch gleich mal richterlich prüfen lassen, das ist sozusagen Unisex II. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht unser aller Leben ein wenig teurer machten. Ist schließlich für einen guten Zweck.

Am 8. September haben wir hier irrtümlich den Verein Deutsche Sprache (VDS) für einen Artikel der „Deutschen Sprachwelt“ in Mithaftung genommen. Der Verein legt Wert auf die Feststellung, dass er mit dieser Zeitung nichts zu tun hat, was hiermit klargestellt sei.

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