Matthies meint : Endlich ein richtiger Konflikt

Nach all dem kleinteiligen Fingerhakeln um den Euro ist es höchste Zeit für einen richtigen deutsch-französischen Konflikt, irgendwas mit wütenden diplomatischen Noten, einbestellten Botschaftern, Kanonenbooten auf dem Rhein, so in dieser Preislage. Dass sich dieser Streit nun gerade am Essen entzündet, erschließt sich logisch aus dem jeweiligen Nationalcharakter: In Frankreich bestimmen die Gourmets den öffentlichen Diskurs, in Deutschland Peta und Foodwatch. Dass sich beide Länder also über Stopfleber verständigen, ist etwa so wahrscheinlich wie eine Einigung von Hamas und Israel über den Gazastreifen.

Der Gazastreifen ist in diesem Fall die Kölner Ernährungsmesse Anuga, die im Oktober stattfindet und kürzlich mitteilte, sie werde Stopfleber-Produkte nicht in das Produktverzeichnis der Messe aufnehmen – eine ulkige Symbolhandlung, die sich der recht deutschen Hoffnung hingibt, etwas, das nicht im Verzeichnis erscheint, sei am Ende praktisch überhaupt nicht da. Denn kein Hersteller ist gehindert, das Produkt mitzubringen und vorzuführen.

Klingt nach Kompromiss, oder? Ist aber keiner, jedenfalls nicht für die Franzosen, die nun reagieren, als sei in Deutschland der Champagner verboten worden – dafür haben sie die Foie Gras nicht in den Himmel nationaler Kulturgüter erhoben! Sie betonen, was schwer zu bestreiten ist: Die betreffenden Gänse und Enten leben im Paradies, jedenfalls bis zur finalen Stopfrunde, und das lasse sich von kaum einem deutschen Batteriehuhn sagen. Und: Deutschland importiere jährlich 170 Tonnen solcher Produkte, solle also mit der Heuchelei aufhören. Deutschland argumentiert einfacher: Man könne einer privaten Messe nichts vorschreiben.

Ja, so haben schon Großkonflikte begonnen, mit einer harmlos aussehenden Depesche plus anschließender Aufschaukelung. Und es ist nur auf den ersten Blick ein bilateraler Konflikt, denn die meisten Stopflebern für französische Dosen werden in Ungarn oder Israel produziert, was bedeutet: Sie sind etwa so authentisch wie der schnauzbärtige Opa, der im Werbefernsehen den Schnittlauch in den Frischkäse rührt. Wir sollten das im Auge behalten für den Fall, dass die Anuga von französischen Fallschirmjägern gestürmt wird.

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