Matthies meint : Er ist ein wandelnder Herzschmerz

Nicht wenige von uns kehren vom Shopping aus London enttäuscht zurück. „Wer kann sich denn das alles leisten?“, fragen wir angesichts juwelenbesetzter Pumps und hartvergoldeter Kaminbestecke – und geben auch gleich die Antwort: die Ölscheichs halt und die Russen, man kennt das ja.

Dank der in Syrien abgefangenen E-Mails der Herrscherfamilie wissen wir nun mehr darüber, wie es funktioniert. Zwar sind die Assads nicht persönlich bei Harrods aufgetaucht, das muss man verstehen, sie haben grad furchtbar viel um die Ohren. Aber ein moderner Machthaber shoppt natürlich online wie wir alle, und auch er schreit vor Glück, wenn die Sachen im Palast zugestellt werden, oder er hat zumindest irgendeinen Gefangenen im Keller, der das Schreien für ihn übernimmt.

Das Schönste an diesen E-Mails: Die Assads sind im Grunde Menschen wie du und ich. Sie haut die Kohle raus, wie es grad kommt, er brummt amüsiert „Frauen!“ und lässt sich lieber nur ein paar flotte Melodien per iTunes kommen, was kräftig Groovendes von „Right Said Fred“ oder Busta Rhymes, Himmel, man wird von einem Premium-Diktator ja nicht auch noch einen gehobenen Musikgeschmack erwarten können. „Geht geil ab, Alter!“, sagt er beim Hören zu seinem Fahrer, und der nickt: „Voll geil, Scheff.“

Und vieles, was wir da sehen, mag ja auch für kommende schreckliche Tage noch nützen. Die High Heels mit den Kristallstacheln vorn könnte die Gattin für den Nahkampf mit Regimegegnern nutzen, und auch das Fondue-Set von Harrods wäre was für den Vorabend der Revolution: Ein gemütliches Feuerchen flackert unterm geschmolzenen Emmentaler, es duftet nach Alm und Kirschwasser, die Herren Scholl-Latour und Todenhöfer haben sich angesagt, und wer sein Brotstück im Topf verliert, der muss schnell zehn Gründe hersagen, warum die Herrschaft Assads ewig dauert.

Einer dieser Gründe lautet: Er liebt seine Frau. Einen Tag, nachdem am 4. Februar Hunderte von Menschen in Homs gestorben waren, hat er ihr eine Mail mit Link auf einen Song des Countrysängers Blake Shelton geschickt: Ich bin wandelnder Herzschmerz/ich hab es ganz schön verbockt/der Mensch, der ich jetzt bin/ist nicht der, der ich sein will. Ja: Selbstkritik! In Assad steckt ein lupenreiner Demokrat, der sich läutern will, seine Untertanen liebt und wie ein Hund leidet unter den Blutströmen, die ihre Verteidigung erfordert. Ohne die Mails wäre das nie herausgekommen.

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