Matthies meint : Erst den Akku rausnehmen!

Verbraucherschutzminister Seehofer lässt gegenwärtig prüfen, ob er sein Nokia-Handy zurückgeben kann, SPD-Fraktionschef Struck macht mit. Das ist eine seltsam halbherzige Entscheidung, denn schon Nokia selbst weist ja in den allgemeinen Geschäftsbedingungen darauf hin, dass zumindest Batterien und Akkus zurückgegeben werden müssen. Ein Akt offensiven Protestes sähe also ganz anders aus. Beispielsweise im Gabriel-Stil: Der Umweltminister würde den Akku zunächst sorgsam entnehmen und der bereitstehenden zwölfköpfigen Klimaschützer-Delegation aushändigen – und dann mehrere Minuten lang zornig auf dem Restgerät herumtrampeln und es schließlich mit dem Trennschleifer zerlegen, bis auch der letzte Fotograf die Kamera sinken lässt.

Protestieren lässt sich aber auch ohne destruktive Impulse. Angela Merkel beispielsweise, deren ausgleichender Regierungsstil die ständige Anwesenheit mehrerer Handys unterschiedlicher Marken und Provider voraussetzt, könnte das Nokia-Gerät einfach langsam auslaufen lassen. Es würde kaum noch klingeln, nur noch belanglose Bestätigungsmitteilungen empfangen und schließlich als Spielzeugspende in einer Mecklenburger Kita landen. Dort würde dann ein Fünfjähriger die Geheimnummer von Nokia-Boss Kallasvuo wählen und ihm mitteilen: „Olli-Pekka doof, Nokia auch!“ Rücktritt! Canossa-Gang nach Bochum!

Wir müssen ohnehin überlegen, was der Verzicht auf Nokia für unser Leben bedeutet. Die Handy-Marke ist ja immer auch eine Botschaft. Man könnte durchaus sagen, dass Nokia, Motorola und Samsung für uns heute sind, was Märklin, Fleischmann und Trix vor 50 Jahren waren: technische Lebenseinstellungen, in die wir hineingeboren werden. Nokia ist dabei die vielschichtigste Marke, „für den Art Director genau so geeignet wie für die zehn nackten Friseusen“, wie es der Trendguru Tobias Murx formuliert hat – da gab es allerdings für die Friseusen das iPhone noch nicht.

In Regierungshänden hätten wir dagegen eher die kantigen Entscheider- Motorolas erwartet oder die musikprallen Sony-Ericssons, die auch ödeste Ausschusssitzungen zum Hörvergnügen machen. Nicht auszuschließen, dass manch Bedeutender erst nach der Bochumer Entscheidung ein Nokia angeschafft hat, um sich umso effektvoller wieder davon trennen zu können.

Die Prüfung durch Seehofers Ministeriumsbeamte wird mit Sicherheit den idealen Weg aufzeigen, ein Nokia loszuwerden: einfach Gras drüber wachsen lassen.

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