Matthies meint : Erst zahlen, dann baden

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Die Sache ist ja die, dass ab sofort soziale Gerechtigkeit walten soll in diesem unserem Land. Niemand weiß zwar genau, was das ist, aber alle wissen: Es ist verdammt teuer. Nun gehört zur sG eine kleine Untergruppe, die unbezahlten Stromrechnungen. Das Problem: Wer eine Weile nicht zahlt, dem dreht der Lieferant den Saft ab. Das ist sozial ungerecht, sagen dann viele; das Thema spielte auch beim gescheiterten Volksbegehren in Berlin eine gewisse Rolle.

Wenn nun der Staat aber in seinem Drang nach der sG ein Gesetz beschließt, in dem es heißt: Niemandem darf die Sicherung rausgedreht werden, egal ob er seine Rechnung bezahlt hat oder nicht – dann bezahlt bald überhaupt niemand mehr, ausgenommen vielleicht Gregor Gysi, um zu beweisen, dass seine Partei mit der Forderung nach Abschaffung der Sperre richtig liegt. Davon aber lässt sich der Strom nicht finanzieren und die teure Energiewende schon gar nicht.

Die künftige Koalition hat sich aber in ihren zahllosen Verhandlungsrunden was einfallen lassen. Wir kennen das Mittel aus der Erziehung harthöriger Jugendlicher: Da sie bekanntlich beim Telefonieren keine Grenzen kennen, werden sie auf Prepaid-Karten gesetzt. Ist die Kohle weggesimst, verstummt auch das Handy. Solche Karten sollen tatsächlich bald auch für Strom eingeführt werden in der stillen Hoffnung, dass der sozial geschwächte Stromkunde dann die Kohle zusammenhält, sparsamer mit dem Badewasser und der indirekten Halogenbeleuchtung umgeht und sich bereitwillig vom ambulanten Energieberater Sparfunzeln reindrehen lässt.

Aber was passiert, wenn die Karte leer ist? Es handelt sich offenbar weniger um eine Lösung als ein Erziehungsmodell, das ein wenig an den alten, früher in England und Amerika üblichen Gaszähler erinnert, in den man Geld einwerfen musste, bevor das Kochen losging.

„Prepaid“ ist eine Idee aus dem richtigen Leben, in dem wir grundsätzlich nur in Brötchen beißen dürfen, die wir vorher bezahlt haben; sinngemäß das Gleiche gilt für Benzin und alle anderen Dinge des Alltags, die uns nicht vom Mediamarkt per Nullkredit ins Wohnzimmer gedrückt werden.

In einer idealen Welt, um auch das noch zu sagen, wäre der komplette Staatshaushalt „prepaid“. Darauf wird sich die Koalition allerdings wohl nicht verständigen. Schon weil die Soziale- Gerechtigkeits-Politik noch nie vorher bezahlt worden ist.

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