Matthies meint : Es kommt eben doch auf die Größe an

Ohne Bayern sähe Deutschland irgendwie blass aus. Praktisch keine Berge, nix zum Wegjodeln – und die Fest- und Feierkultur läge ganz und gar in den Händen der Monopolkarnevalisten vom Rhein. Überall im Land werden die Reichen und Berühmten bevorzugt, aber nirgendwo so demokratisch und egalitär wie in München. Ultimativer Ausdruck dieser Demokratie ist die Wies’n, jene kollektive Sauforgie, die alljährlich ungefähr doppelt so viele Gäste anzieht wie eine mittelprächtige Olympiade.

Heute geht es wieder los, es wird angezapft – aber im Grunde versorgt uns Bayern schon seit einigen Wochen mit einer steten Flut von Nachrichten, die sich zum Teil lesen, als wirke der Restalkohol schon vor der ersten Maß. Edmund Stoiber beispielsweise, der sich als bekennender Kamillenteetrinker neuerdings gegen den Verdacht des Konvertitentums wehren muss, hat jetzt einen klaren Standpunkt formuliert: „Bei aller Toleranz – Kathedralen müssen größer sein als Moscheen.“

Damit ist zunächst einmal die Grundübereinkunft der westlichen Zivilisation suspendiert, dass es nicht auf die Größe ankomme. Kommt es eben doch! Im Allgemeinen ist die Kathedrale schon von Natur aus größer, denn sie verkörpert meist den spitz nach oben gerichteten, schlanken Typus, während die Moschee eher ins Würfelförmig- Dickliche tendiert. Allerdings baut kein Mensch mehr anständige Kathedralen, während Moscheen boomen; rekordsüchtige Mullahs sollten also nicht darauf hoffen, in Bayern höher als die Frauenkirche aufstreben zu dürfen.

Andererseits mag es sein, dass sie in Bayern demnächst neue Ritualkapazitäten brauchen, wenn sich nämlich Gabriele Pauli mit dem Vorschlag durchsetzt, Ehen nur noch auf sieben Jahre zu schließen. Ob sich die Landrätin damit verirrt hat? Sie war vermutlich nur nicht mutig genug, gleich das ganz große Thema anzupacken: „Gabriele Pauli: Nach der siebten Maß ist Schluss!“ Bzw.: Dann muss mit der Bedienung neu verhandelt werden.

Das hätte Bayern wirklich erschüttert, hätte eine uferlose Debatte über die Wurzeln der Wirtshauskultur losgetreten. So bleibt vorerst alles, wie es war, zügellos, entgrenzt. Wer sich in einem Bierzelt aufhält, urteilte jetzt das Münchner Amtsgericht in einem Schmerzensgeldprozess, der muss wissen, dass hinter ihm stehende Personen umfallen können. Kathedralen tun das nicht, und schon deshalb …

Ach, dieser Restalkohol.

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