Matthies meint : Eucharistie und Fußball

Hallo? Ist da draußen noch irgendjemand, der sich NICHT besonders für die Fußball-EM interessiert? Der nicht sämtliche Teilnehmerländer in Gruppenreihenfolge herbeten kann und mangels Kompetenz keine Prognosen über die Siegchancen der deutschen Mannschaft abgibt? Der sich, Gipfel der Nestbeschmutzung, sogar leise darüber ärgert, dass er nicht mal mehr eine Schrippe kaufen kann, ohne dass oben die Papierflagge des moldawischen Fußballverbands drinsteckt?

War nur eine Frage. Aber falls es Gleichgesinnte gibt, die mal ihr Herz ausschütten wollen: Alle Zuschriften werden streng vertraulich behandelt. Streng! Ich würde nicht so weit gehen, von einem Beichtgeheimnis zu sprechen, denn das klänge ja irgendwie katholisch. Mir geht es nämlich – Achtung, abrupter Übergang – um die evangelische Kirche, die sich wieder einmal an die Popularität des Fußballsports anhängt und Deutschland mit Public-Viewing-Ereignissen überzieht.

Sie tut das seit 2006, und bitte, es ist lieb gemeint, sie gibt zur Verkündigung des Glaubens gratis etwas dazu, Fußball, das sollte man nicht kritisieren. Dennoch drängt die Frage nach dem Warum penetrant nach vorn. Warum nicht Handball? Homeshopping? Star Trek?

Das Internet, das sonst eigentlich alles weiß, verweigert weitgehend die Antwort. Wer lange sucht, findet ein paar Musterpredigten, in denen die theologische Kurve von Gott zum Fußball so haarsträubend brachial genommen wird, dass Otto Waalkes in seiner exegetischen Bruchlandung zum Thema „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ dagegen geradezu konservativ argumentiert.

„Weniger wichtig ist, ob eine Mannschaft gewinnt oder verliert“ heißt es da, „viel wichtiger ist, dass sie mit Begeisterung dabei ist, dass sie sich bemüht und dass sie fair bleibt“. Das mag enorm christlich gedacht sein; sicher ist aber zweifellos, dass Jogi Löw ganz unchristlich rausgeworfen wird, falls er derlei Weisheiten vertritt. Gott hat sich, so lesen wir weiter, die Eucharistie einfallen lassen und der Mensch den Fußball, nun ja, das mag sein. Ob allerdings Stan Libuda, der Flankengott, beim Dribbeln an die Eucharistie dachte?

Direkt gibt die Bibel zum Fußball wenig her. „Viele blieben erschlagen liegen bis an das Tor“ heißt es an einer Stelle (Richter 9,40), das mag eine Anregung für das Expertengespräch in der Halbzeit sein. Ansonsten wollen wir froh sein, wenn kein Pfarrer den Flachbildschirm gleich auf den Altar stellt.

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