Matthies meint : Fertig zum Gehaltenwerden

Eine alte deutsche Regel, beinahe von grundgesetzlichem Rang, besagt, dass der Bundespräsident eine Weihnachtsansprache hält, wohingegen der Bundeskanzler das neue Jahr begrüßt. Warum das so ist? Vermutlich hat es irgendein früher Fernsehgewaltiger einfach beschlossen: Der Präsident sei zuständig für den getragenen, festlichen Ton und die retrospektive, von Tannenduft und Kerzenschein eingefriedete Innerlichkeit, der Kanzler für den politisch konkreten Aufbruch ins Unbekannte, begleitet von Böllern und Raketen, zisch, bumm! Käme Angela Merkel auf die Idee, sich mit ihren Jahresendgedanken zwischen Christstollen und Dominosteine zu drängen, wäre ihr die Revolution gewiss.

Zwischen diesen beiden festen Polen der deutschen Selbstbesinnung bleibt allerhand Platz für weitere Reden, die aus dem politischen Mittelbau einfach so herausdrängen. Auch der einfache Parlamentarier hat eine Botschaft, er will authentisch sein, den Wählern das Gefühl geben, nicht umsonst gewählt zu haben. Doch gerade bei CDU und SPD ist die Versuchung groß, Dampf abzulassen und die jeweils andere Seite zu verwünschen, die sich aus dem großen Koalitionskuchen die Rosinen … na, so in dieser Art.

Weil das aber nicht sein darf, hat die SPD nun eine Handreichung an ihre Abgeordneten verschickt, eine komplette Rede, fertig zum Gehaltenwerden. Das Wir entscheidet nicht länger, es schwafelt sich nur noch durch die Gemeinplätze sozialdemokratischer Wohlanständigkeit, drängt, „dass wir mit den im Koalitionsvertrag vereinbarten zusätzlichen Finanzmitteln und Spielräumen vor Ort wirklich spürbare Verbesserungen für die Bürgerinnen und Bürger entstehen lassen können“. Jeder Redner ein kleiner Kanzlerkandidat, verbal glatt gebürstet und gefönt, als stünde neben dem Podium schon das Erschießungspeloton der Hauptstadtpresse.

Allerdings: Möchte irgendjemand diese Wir-sind-enttäuscht-haben-aberund-wollen-nun-Lyrik wirklich von Herzen hören? Seinen Lieben übermitteln und mit ihr das neue Jahr begrüßen? Oder ist nicht gerade das das typische Talkshow-Geschwalle, das die Wähler in Scharen abstößt?

Aus der CDU sind ähnliche Redevorgaben nicht bekannt. Aber dort haben sie es ja auch einfacher: Am Silvesterabend perlen die aufbauenden Worte der Kanzlerin ganz von selbst aus dem Bildschirm. Dort müssen sie nur noch aufgenommen und mit Entzücken weitergesagt werden.

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