Matthies meint : Fettsäuren – das neue Nikotin

Die Skandinavier sind freundliche, liberale und seit dem Rückzug der Heere Gustav Adolfs auch durchweg friedliebende Leute, rundum zum Nettfinden. Sie haben der Welt die Selbstbaumöbel geschenkt, den depressiven Kommissar, den Hering in süßer Marinade – und vor allem den Glauben daran, dass es die Aufgabe des Staates sei, aus dem guten Menschen einen besseren zu machen.

Diesen besseren Menschen muss man sich als einen ranken, gut gelüfteten Naturburschen in fußgesunden Schlappen vorstellen, der allabendlich seine Klimabilanz berechnet, Fördermitglied bei Greenpeace ist und nie falsch Zeugnis wider seinen Nächsten ablegt, eine Art virtueller Gesamt-Mankell also.

Keine Sorge: Der Typ ist in Arbeit. Allerdings müssen die nordischen Regierungen immer wieder Rückschläge auf dem Weg hinnehmen, beispielsweise die dänische, deren Untertanen einfach nicht den Weg zum Normalgewicht finden. Sie sind zu dick, weil sie am liebsten die stillen Killer essen, die ihnen die heimische Landwirtschaft auf den Teller mogelt, Butter und Käse vor allem. Die gesättigte Fettsäure ist das neue Nikotin, verbieten will man sie nicht sofort, also hilft nur noch eine Erziehungssteuer: 25 Kronen für jedes Kilo ungesättigte Fettsäure.

Das macht die Butter angeblich um ein Drittel teurer – eine deutliche Ansage, zumal wenn wir bedenken, dass Nahrungsmittel in Dänemark ohnehin schon so teuer sind wie anderswo Eigentumswohnungen und Segeljachten. Auch so beliebte Produkte wie Tiefkühlpizza, Kekse und Desserts sollen mit der neuen Steuer aus den dänischen Kühlschränken rausgeekelt werden.

Nun ist der aktuelle deutsche Gesundheitsminister als FDP-Mann nicht übermäßig anfällig für solche Versuche, Haushaltssanierung als Gesundheitsvorsorge zu tarnen. Aber wird das immer so bleiben? Salz-, Sekt- und Kaffeesteuer haben die Jahrzehnte unabhängig von allen Regierungen und Regierungsformen überlebt, und immerhin ließe sich ja auch in Deutschland argumentieren, dass all jene, die ihre Jugend mit Knoppers und Twix versüßen, im Alter den Krankenkassen auf der Tasche liegen – also könnten wir eine eventuelle Zuckerzusatzsteuer gleich den Apotheken und Kliniken aufs Konto buchen.

Eine Sache haben die Dänen allerdings nicht bedacht: Wenn die neue Steuer anschlägt und die Lebenserwartung, wie geplant, um drei Jahre steigt, müssen auch die Renten drei Jahre länger gezahlt werden. Die nächste Steuer kommt bestimmt. Vielleicht auf depressive Kriminalromane?

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