Matthies meint : Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe

Karlsruhe! Für den normalen Norddeutschen nur irgendeine Stadt an der Autobahn nach Frankreich, für den Nachdenk-Gourmet dagegen ein Zentrum deutscher Sinnstiftung. Hier löten die Verfassungsrichter vergurkte Berliner Gesetze zusammen, hier macht Peter Sloterdijk Nietzsche und Hegel fit fürs 21. Jahrhundert. Mancher Leitartikler entwickelt Sympathie für Vorschläge, doch gleich die ganze Politik mitsamt geistigem Überbau dort drunten erledigen zu lassen: kurze Wege, knappe Begründungen, historische Verwurzelung.

Es handelt sich also um eine Schlüsselstadt der Kompetenzkompetenz, die sich der eingeborene Bundesbürger gar nicht anders vorstellen kann als in der Hand von soignierten Christ- sowie Freidemokraten. Doch was passiert? Karlsruhe ist verloren, die Bürger haben einen Kandidaten gewählt, der von SPD, Grünen, Piraten und einer Karlsruher Liste getragen wurde.

Das Wutbürgerspektrum. Sollte es also eventuell Pläne gegeben haben, den Karlsruher Hauptbahnhof umzubauen, so können sie nun getrost zu Grabe getragen werden. Doch die Katastrophe reicht weiter, tief in die CDU, die den Glauben an ihre Kraft als Großstadtpartei verliert. Stuttgart hin, Frankfurt verloren, nun Karlsruhe – was kommt noch? „Die CDU wird immer mehr zur Partei der alten Männer und karrieresüchtigen Leute von der Jungen Union“, höhnt der Wahlforscher Hans-Georg Wehling; die anderen, von karrieresüchtigen jungen Leuten bekanntermaßen völlig freien Parteien werden es mit Vergnügen hören.

Was nun? Philipp Mißfelder, der mal einer dieser Jungunionisten war, will die Kraft nun lieber darauf konzentrieren, in Paderborn von 50 auf 70 Prozent zu kommen statt in Prenzlauer Berg von vier auf fünf – das ist der konservative Standpunkt. Die Kollegin Ursula von der Leyen dagegen möchte ihre Partei „schneller und prägnanter“ machen, sieht Parteipolitik also als eine Art Wettlauf gegen die Zeit. Das muss man sich vermutlich so vorstellen, dass die Parteien ihre Scouts in Stellung bringen und die Bürger beobachten lassen: Was könnte der moderne Großstadtbürger gerade wollen? Zack, reicht ihm die CDU eine Latte Macchiato an, dicht gefolgt von der Bionade (Holunder) der Grünen, der Bionade (Ingwer) der SPD und dem Herrengedeck der Linkspartei, bevor die Freidemokraten mit einer Diätcola hinterhergeschlappt kommen und die Piraten noch ihre Mitglieder befragen. Zahlen wird in jedem Fall die Bundesregierung, das erfreut den Großstadtwähler besonders.

Ja, nun mal los, CDU! Sonst fällt auch noch Paderborn.

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