Matthies meint : Franziskus aus der Nähe betrachtet

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Mensch, Papst, also wirklich! „Einen schönen Sonntag und guten Appetit!“ hast du uns gewünscht, das war erbaulich, und wir haben spontan „Danke, gleichfalls!“ gedacht. Aber ist das im Sinne des Erfinders? Sollte der Stellvertreter des Allerhöchsten nicht doch eine gewisse Distanz zum gemeinen Kirchenvolk einhalten, müssen wir womöglich befürchten, dass er uns am nächsten Sonntag wie ein schlechter Restaurantleiter ein „Hat’s geschmeckt?“ hinterherwirft? Und sollen wir dann auf gut Touristenitalienisch „Si, il conto, per favore“ antworten?

Das Problem des Papstes besteht ja darin, dass es so viele Unter- und Spartenpäpste gibt. Software-Päpste, WeinPäpste und -innen, Literatur- und Film-Päpste, vermutlich auch Tofu- und Kräuterpäpste – im Grunde gilt heute jeder als Papst, der in seinem Fachgebiet kein kompletter Volltrottel ist und mal als Experte im Fernsehen auftreten durfte. Eine Inflation!

Deshalb ist es natürlich unglaublich bedeutsam, dass der eigentliche Papst irgendwie erkennbar bleibt. Rote Schuhe beispielsweise wären so wichtig, kein alter katholischer Mann trägt rote Schuhe, außer eben dem Papst – aber der neue bleibt bei seinen schwarzen Tretern. Wird er das Papamobil, das exklusivste Transportmittel der Welt, nutzen oder demnächst in einem rostigen Fiat vorfahren und um Verständnis dafür bitten, dass er zur Straße aussteigt, weil die andere Tür klemmt?

Es ist wirklich nur schwer erkennbar, wie unter diesen Umständen die gebotene Aura ungebrochener Heiligkeit eintreten kann, die für den Papst ja eine Art Existenzgrundlage darstellt. Bitte, uns von der Presse kann diese Nahbarkeit eigentlich nur recht sein: Gibt es demnächst z.B. Streit über die intersubjektiv gültige Wahrheit der Religion, rufen wir gleich beim Chef im Vatikan an. „Pronto!“ antwortet es, Franziskus persönlich ist dran und entschuldigt sich, seine Sekretärin habe grad einen Abbummeltag. Die Frage sei ein wenig speziell, aber er werde grad mal zum Wahrheitsreferenten der Kurie durchstellen.

Wir freuen uns schon auf den Redaktionsbesuch. Franziskus schaut mal rein um elf, äußert im Rahmen seiner Blattkritik vorsichtige Vorbehalte gegen den flapsigen Ton mancher Glosse und signiert ein paar Lateinbücher für die Redakteurskinder. Für Laura, beste Wünsche, Franz.

Ein Papst zum Anfassen! Wir gehen dann mit ihm noch rüber zur Curry 36, er zahlt. Guten Appetit.

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