Matthies meint : Fußball-EM, lauwarm genossen

Erinnern wir uns zum Beispiel an 1954 – und wie die Fußball-WM damals nach den alten Regeln gefeiert wurde: Glotze oder Radio an, Bierkasten klarmachen, Kühlschrank, wo vorhanden, auf Hochtouren, Kehle mit Chantré vorglühen – und dann hochoktaniges Wegspechten bis zum Schlusspfiff. Am nächsten Morgen bei der Arbeit war allen etwas fad, aber, Himmel noch mal, so ist Fußball eben!

Heute ist der Fan vorsichtiger. Er traut sich praktisch nichts mehr instinktiv, fragt jeden Experten um Rat, den er finden kann: Wie meistere ich, ganz persönlich, die EM? Schon Wochen vor dem Anpfiff der Europameisterschaft blühen also die Ratgeberdienste der Nachrichtenagenturen und geben die Antwort auf Fragen, die einem erst einmal einfallen müssen; die meisten drehen sich, Kunststück, ums Bier.

Bzw.: um dessen Ökobilanz. Am besten, da gibt es keinen Zweifel, ist die gläserne Mehrwegflasche, und die sollte in der Nachbarschaft gefüllt werden. Jever in der Dose ist bäh, sogar ultra-bäh, wenn es mit dem Laster ins Allgäu geschafft und dort getrunken wird. Denkbar ist auch, dass der umweltbewusste norddeutsche Fan besser abschneidet, wenn er ein Allerweltspils von nebenan zischt, statt die Umwelt damit zu belasten, dass er ein topökologisches Rotbauch-Unkenbräu extra aus dem Schwarzwald kommen lässt.

Klarer ist die Sache mit der Kühlung. Wer dabei an den Kühlschrank auch nur denkt, der hat den abgetauten Gletscher zur Strafe praktisch schon im Vorgarten. Der Ökodenker füllt die Badewanne mit Leitungswasser, packt die Flaschen rein und pariert den Protest der Kumpels, die ihr Lieblingsgetränk gern richtig kalt hätten, mit einem eiskalten Argument: „Bald werdet ihr froh sein über lauwarmes Bier, wenn draußen die Südsee anklopft!“ Aus eben jenem Grund empfiehlt sich Bierfeinden der nicht kühlungsbedürftige Rotwein, in Berlin vorzugsweise solcher aus der Mark Brandenburg.

Nun ist nicht auszuschließen, dass der eine oder andere seinen niederen Instinkten doch erliegt und die Bier- Badewanne mit Eiswürfeln tunt oder Prosecco im Tiefkühler auf Trinktemperatur frostet. Genuss mit Reue: Dann hilft nur noch die Beichte der sogenannten Kohlenstoffschuld, die auf dem Katholikentag schon ein ganz großes Thema war. Umwelt, vergib mir, ich habe gesündigt …

Als Buße müssen wir dann ganz langsam ein lauwarmes Bier trinken. Alkoholfrei, versteht sich.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar