Matthies meint : Geschichte als Farce

Karl Marx ist nicht mehr ganz auf dem Laufenden. Geschichte geschieht zweimal, das ist zutreffend, beim ersten Mal in aller Regel als Tragödie. Aber sie wiederholt sich nicht als Farce, sondern als Fernsehfilm bei Sat.1, möglicherweise sogar als Filmfilm. Das passiert freilich nur den ganz großen Stoffen, der Bombardierung Dresdens, dem Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs – einfach, weil der Zuschauer Wert legt auf die große Fallhöhe, das intensive Menscheln auf dem blutigen Schlachtfeld des Schicksals. Insofern ist es selbstverständlich, dass jemand auf die Idee kommen musste, das Leben Bettina Wulffs zu verfilmen. Es ist zwar –schätzungsweise – noch nicht einmal halb rum, hat aber schon mehr Stoff aufgetürmt als so manch nicht enden wollendes Heldenepos, Triumph und Tragödie im Übermaß. Die Jugend in Hannover, den Aufstieg nach Berlin, den Fall von Berlin zurück nach Großburgwedel, die schmerzliche Tattoo-Erfahrung …

Egal: „Großburgwedel“ würden wir auch als Titel für den Film vorschlagen, den der Produzent Nico Hofmann nun plant. Das habe nichts mit dem gerade erschienenen Buch zu tun, schwört er, denn er habe sich um die Rechte schon vor Monaten beworben, und es müsse natürlich mehr Stoff hinein, als im Buch zu finden sei. Ob die Hauptfigur aber Fakten nachliefert, hängt vermutlich auch davon ab, wer sie im Film spielen wird. Veronica Ferres, die First Lady der deutschen Monumentalschmonzette, scheint dem Rollenfach irgendwie entwachsen zu sein, denn statt ihr wird Silke Bodenbender genannt, die dem Vorbild in der Tat recht ähnlich ist.

Wer den Präsidenten spielen darf, ist noch unklar, denn Til Schweiger hat als Tatort-Kommissar allerhand um die Ohren, Ochse Uwenknecht und Heiner Lauterbach fehlt die verbindliche Glätte, Matthias Brandt wirkt zu sinister. Als Carsten Maschmeyer allerdings, das ist klar, kommt nur Carsten Maschmeyer infrage, denn ein derart virtuoser Selbstdarsteller kann nur von sich selbst dargestellt werden. Eine tragfähige Handlung wird nicht einfach zu finden sein, da muss die Kraft der Dialoge helfen. Er: „Mir langt’s, ich trete zurück!“ Sie: „Oh Gott, dann müssen wir ja zurück nach Großburgwedel.“

Der nächste große Stoff wartet übrigens schon, ein Hollywood-Stoff: „Der Berliner Patient“, die Story eines nie gebauten Großflughafens und der Menschen, deren Schicksal sich in ihm erfüllt. Mit George Clooney als Klaus Wowereit. Oder umgekehrt?

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