Matthies meint : Gewaltproblem praktisch gelöst

Vor etwa 40 Jahren hat die linke Sozialkritik den Kleinbürger als Quelle allen gesellschaftlichen Übels identifiziert. Heute ist es ruhig um ihn geworden – es fällt ja auch schwer, zum Beispiel einen 30-jährigen Hausmeister, der den Titel „Facility Manager“ trägt, noch als spätfaschistischen Revanchisten zu schmähen. Und erst die Rentner! Es sah fast schon so aus, als seien sie in der demokratischen Gesellschaft angekommen und hätten zu einer mehr oder weniger akzeptierten Lebensform gefunden.

Bis sich jetzt einer von ihnen vorsätzlich in der Münchner U-Bahn von zwei Männern brutal niedertreten ließ. Die waren ausländischer Herkunft, das hat, wie wir wissen, eine Menge Wirbel ausgelöst, und da ist es nun überfällig, die Dinge zurechtzurücken. Die Grundidee stammt vom Feuilletonchef der „Zeit“, Jens Jessen, der in seinem Videoblog folgenden schönen Satz formuliert hat: Man müsse sich fragen, ob unser Grundproblem nicht darin bestehe, „dass es zu viele besserwisserische deutsche Rentner gibt, die den Ausländern hier das Leben zur Hölle machen und den Deutschen auch“.

Ja, das lassen wir jetzt ein wenig einwirken, das ist tief, wenn auch vielleicht ein wenig zu sehr an Blankeneser Erfahrungen orientiert. Denn offensichtlich gibt es ja beispielsweise im Berliner Rollbergviertel auf der Straße nicht mehr viele besserwisserische deutsche Rentner, die irgendwem irgendetwas zur Hölle machen könnten. Wenn aber doch, dann gängeln und ermahnen und nerven sie die jungen Leute zweifellos dermaßen, dass das Fass dann, um mit Jessen zu sprechen, irgendwann überläuft, tja, das ist halt Pech. Andere Blogger haben den Grundgedanken bereits aufgenommen, einer argumentiert etwa so, dass die Bitte, auf dem Bahnhof nicht zu rauchen, ein Beispiel spätnazistischen „Vernichtungswahns“ sei. Wenn ein junger Mensch dann zuschlägt, tut er das einfach, um nachzusehen, ob er noch am Leben ist. Klar.

Die politische Debatte läuft also in die völlig falsche Richtung. Erziehungscamps und verschärfte Strafen sind richtig – aber eben für den eigentlichen Schuldigen, den deutschen Rentner. Ins Ausland abschieben können wir ihn nicht, nicht einmal, wenn sein Gängelungsregister 50 und mehr Einträge enthält. Aber es wäre zumindest die Möglichkeit einer Abschiebung ins nächste Altenheim zu prüfen. Dort würde der Delinquent dann statt der fröhlichen Musikanten abends täglich 90 Minuten lang immer wieder Jessens Videoblog anschauen müssen.

Damit wäre das Problem gewalttätiger Jugendlicher also gelöst. Gott sei Dank!

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