Matthies meint : Große Chance für Einschlafwarner

Das deutsche Auto steckt in der Krise. Genauer: das Auto auf deutschen Straßen. Es altert im Einklang mit der Gesellschaft, das entnehmen wir jedenfalls einer Untersuchung verschiedener Expertenorganisationen, die am Freitag auf der Leipziger Automobilmesse vorgestellt wurde. Knapp jedes zweite Auto ist demnach älter als acht Jahre; besonders beunruhigend erscheint die Tatsache, dass viele Autos schon älter als ihre Fahrer sind und daraus das Recht auf eigenmächtiges Handeln herleiten. Daher wird die Pflicht erwogen, im Kofferraum jedes über 18 Jahre alten Wagens einen Tüv- Bordingenieur mitzuführen.

Trotzdem nimmt die Zahl der alten Autos immer weiter zu. Kenner vermuten bereits, dass sie sich in Tiefgaragen und auf Waldparkplätzen unkontrolliert vermehren; bisweilen sind Forderungen nach artgerechter Tötung in einer Schrottpresse oder an einem Brückenpfeiler zu hören, die allerdings vom Allgemeinen Deutschen Autoschutz-Club (ADAC) heftig kritisiert wurden. Dort heißt es, jedes Auto sei ein von Ford geschaffenes Individuum und habe ein Recht auf Leben.

Doch damit stellt sich die Frage nach dem enormen Kostendruck, den der überalterte Autobestand verursacht. Die Wartezeiten auf eine Untersuchung auf dem Achsvermessungsprüfstand werden vor allem für gesetzlich versicherte Fahrzeuge immer länger, und auch die komplizierten Ersatzteiltransplantationen gehen ins Geld. Hinzu kommt ein eklatanter Personalmangel in Schlüsselberufen wie Spurassistent, Einschlafwarner und Lenkroboter, Fachkräften also, die den überalterten Autos zur Hand gehen und sie vor allzu spektakulären Fehlfunktionen schützen könnten.

Die Leipziger Experten setzen jetzt auf das Satellitensystem Galileo, das durch millimetergenaue Überwachung der Autos Fahrfehler korrigieren soll. Taumelt ein Altfahrzeug benommen auf die Leitplanke zu, könnte es gezielt abgebremst und in die nächste Fachwerkstatt gesteuert werden; auch die sofortige Einweisung in eine geschlossene Seniorengarage ist denkbar. Dort können die betreffenden Wagen dann ihren enormen Erfahrungsschatz an die jüngere Generation weitergeben oder sich unter ständiger Reifendruckkontrolle bei sanften physiotherapeutischen Anwendungen von ihren Blechschäden erholen.

Damit wäre jedenfalls dem Jugendwahn der automobilen Gesellschaft endlich mal ein Ende gesetzt.

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