Matthies meint : Harlem Shake der Selbstkritik

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Wieder so eine Woche. Wer rettet denn nun mal die Welt? Beworben haben sich David Hasselhoff und Marina Weisband, um nur die Prominentesten zu nennen. Der bedeutende Rettungsschwimmer könnte nach seinem Berliner Kurzeinsatz versuchshalber an Zyperns Stränden patrouillieren, um marodierende russische Großanleger beim manuellen Geldwaschen zu beaufsichtigen. Und die Jungpiratin würde parallel massenhaft Interviews geben, um, um... Ach, das klären wir, wenn wir sie dann mal gelesen haben.

Es ist ja auch so, dass stündlich neue Aspiranten nachrücken, mit denen niemand mehr gerechnet hätte. Guido Westerwelle zum Beispiel war ja ziemlich weg. Er kaut von Amts wegen auf Syrien herum, verdammt hartes Brot, niemand dankt es ihm, keiner will sich in die Brandschatzungen und Mordbrennereien da unten einmischen. Also gibt auch er ein Interview, der SZ, und zwar eins mit Inhalt.

„Westerwelle übt offen Selbstkritik“ heißt es darüber bei bild.de, das ist ein bisschen gemein, denn er übt ja nicht, sondern geißelt sich echt gekonnt, gibt Fehler zu, ja, er vollführt geradezu einen Harlem Shake der Selbstkritik. Das mit der „spätrömischen Dekadenz“ bezogen auf arbeitsunwillige Hartzer sei doof gewesen, sagt er, und wird dann auch ganz grundsätzlich: Er habe sich die ganze Regierungsverantwortung etwas leichter vorgestellt.

Hallo? Leichter? Gibt es in der FDP-Bibliothek nicht einen Überblick über die Arbeit der Herren Genscher, Scheel, Lambsdorff und ihre gelegentlichen Schwierigkeiten beim Regieren? Hat Westerwelle eventuell gedacht, die Kanzlerin mache den Job irgendwie mit, und er könne in ihrem Schatten in aller Ruhe ab und zu was besuchen oder eröffnen und zwischendurch ein paar Legationsräte ernennen?

Immerhin: Selbstkritik. Guidomobil und Big-Brother-Container sind Geschichte, hier greift einer an, will wieder gehört und gesehen werden, droht sogar mit Wahlkampf. Er habe herumgehört, was die Partei davon halte, sagt er, und sei bestärkt worden: „Damit war klar, dass ich ab Sommer mit allen PS in den Wahlkampf gehe“.

Gut, dass das mal gesagt ist. Der Begriff „PS“ schillert noch ein wenig, es könnte sich um eine Abkürzung von „Parteisoldaten“ handeln – oder am Ende wirklich Pferdestärken meinen. Was uns daran erinnert, dass in der Geschichte der FDP schon viele Zugpferde ihr Leben als Lasagne beendet haben.

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