Matthies meint : Heute Nacht in Tiergarten

Erwarten Sie nicht zu viel. Wer die Website www.sex.com aufruft, der wird auf ein fades Suchportal umgeleitet, das wenig verspricht und noch weniger hält: russische Bräute, Autoversicherungen, Gratis-OnlineVerabredungen, solche Sachen. Das Verworfenste, was nach zwei oder drei Klicks auftaucht, ist ein eindeutiges Angebot: „Lass dich heute nacht in Tiergarten flachlegen.“

Ich meine, bitte, wer’s mag, gern. Aber gegenwärtig geistert die Behauptung durch die Gegend, bei sex.com handle es sich um die wertvollste und umkämpfteste Internetadresse der Welt, weit vor axolotl.de oder fdp.de. Am Donnerstag sollte sie zwangsversteigert werden, Mindestgebot eine Million Dollar; die Firma, die die Domain besitzt, hat dafür angeblich sogar 14 Millionen bezahlt. Doch irgendwas ist schiefgegangen, die Auktion wurde abgeblasen.

Was bedeutet das alles? Schon klar: Wer „Sex“ bei Google eingibt, der kriegt 570 Millionen Treffer angezeigt, man könnte also sagen, dass das Thema einen Nerv trifft. Und ein früherer Besitzer von sex.com soll damit 15000 Dollar eingespielt haben, täglich. Aber wie mag das funktioniert haben? Sollen wir uns vorstellen, dass Menschen im Triebstau gelangweilt vor dem Computer hocken, sex.com aufsuchen und dann sofort von der Flut zahlender Inserenten verschlungen werden? Beispielsweise von jener Vermittlungsfirma, die fürs Flachlegen in Tiergarten 8,35 Euro plus Mehrwertsteuer an sex.com überweist?

Grund zum Kulturpessimismus besteht übrigens nicht. Vor anderthalb Jahren ist die bislang teuerste deutsche Domain verkauft worden, für 892 000 Euro, und sie bestätigt, dass die Menschen in Deutschland sich eben nicht immer nur für das eine interessieren, sondern vorwiegend für das andere: Es war www.kredit.de, eine Vermittlungsplattform, die es nicht einmal erlaubt, Peter Zwegat flachzulegen. Falls daran Interesse bestehen sollte.

Wir waren bei sex.com stehen geblieben. Bzw.: der Frage, weshalb jemand für eine brachliegende, schluffig gepflegte Seite, die höchstens von orientierungslosen Zehnjährigen aufgesucht wird, eine Million oder mehr zahlen sollte. Wertvoll? Umkämpft?

Möglicherweise wird der Wert der Domain auch generell überschätzt. Nehmen wir www.westerwelle.de. Dort müssten wir eigentlich eine fulminante Abrechnung des Außenministers mit seinen Kritikern finden. Doch was steht dort wirklich? Der Unternehmensberater Axel Westerwelle will unser Altgeld haben, um es in Euros umzutauschen. Wie viel mag diese Adresse wert sein?

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