Matthies meint : Im Sandkasten die Demokratie fördern

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Himmel, bloß kein Kind mehr sein! Es ist ja unglaublich, was da alles auf einen zukommt. Vermutlich werden gerade Tests entwickelt, die schon im fünften Monat eine qualifizierte Aussage über die spätere Abiturnote zulassen; dann stellen sich zwangsläufig fundamentalethische Fragen wie jene, ob ein Embryo ohne jede Aussicht aufs Medizinstudium überhaupt ...

Bitte, das ist Zukunftsmusik, der Ethikrat muss noch nicht ran. Aber es warten andere Herausforderungen auf unsere Kinder. Die Politik! Die Piraten, denen derzeit einfach alles gelingt, haben schon gefordert, das Wahlalter auf null herunterzusetzen, die liquid democracy also gewissermaßen mit oder sogar anstatt der Muttermilch einzusaugen. Aber es wird dennoch schwer sein, Kleinkindern eine qualifizierte Wahlentscheidung abzuringen, mehr als „Rösler bäh“ ist da eigentlich kaum drin. Den Piraten mag das reichen, aber der Demokratie?

Doch dafür gibt es das Deutsche Kinderhilfswerk. Am Freitag hat es eine Studie vorgestellt, die die Vorteile weitgehender Mitbestimmung schon im Kindergarten hervorhebt. Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht oder nur sehr rudimentär um die Frage, ob Nutella oder Nudossi auf den Tisch kommt, sondern beispielsweise um Gremienarbeit in Kinderkonferenzen und Kinderparlamenten, in denen dann beispielsweise eine Kita-Verfassung entwickelt wird. „Kindertageseinrichtungen haben mittlerweile einen Bildungsauftrag, dessen Kern auch die Demokratieförderung sein muss“, hieß es zur Erklärung. Die Forderungsmaschine rattert: Mitbestimmung in den Bildungsplänen ins Zentrum rücken! Die ersten Professoren schrauben vermutlich schon an entsprechenden Curricula herum.

Zwangsläufig muss unser Blick hier auf das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld fallen; es konterkariert diese Anstrengungen auf bedrohliche Art. Denn während die Kita-Kinder zwischen frühkindlicher Sprachförderung und erstem Bewerbungstraining gerade Genderbeauftragte und sandkastenpolitische Sprecherinnen wählen, sitzen die subventioniert Daheimgebliebenen vor der Glotze, gucken Harry Potter und werden so zum willenlosen Opfer totalitärer Strömungen.

Eine bedenkliche Kluft. Im Grunde sollte der Staat also ein Kita-Geld zahlen, damit die Kleinen auch allesamt rechtzeitig abgegeben werden. Eine schöne Aufgabe für den nächsten Bundesbildungsminister. Von den Piraten?

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