Zeitung Heute : Matthies meint: In Ewigkeit, Doppelklick

Mal ehrlich: Ist Ihnen das Internet nicht auch immer noch ein Rätsel? Überall Kabel, Server, Arbeitsspeicher, Hacker und Börsengänge; die Zeit, die beim weltweiten Herumbasteln an diesem System vernichtet wird, würde zweifellos ausreichen, um jegliches Elend dieser Welt nicht nur an der Wurzel zu packen, sondern auch gleich auszureißen. Doch dafür ist es längst zu spät, denn auch die wenigen verbliebenen Sinnstifter haben längst ihre eigene Website und sprechen nicht mehr in Zungen, sondern in HTML. Franz von Assisi beispielsweise würde sich nicht mehr in die Alverner Berge zurückziehen, sondern ein geistliches start-up erwägen und den Erfolg seiner Arbeit in Seitenaufrufen messen. Er kann das nicht mehr, aber die österreichischen Franziskaner setzen seine Arbeit fort: Sie haben gestern ihre erste Internet-Kapelle eröffnet, einen virtuellen 360-Grad-Gebetsraum mit geistlichen Texten. Ja, Brüder und Schwestern: Noch zucken wir zusammen, wenn die flotten Mönche uns die Wahl zwischen Flash und HTML lassen, wenn sie per Link "Cyberkapelle downloaden" versprechen und statt der Bereitschaft zur meditativen Versenkung ein Programm namens "Quick Time" voraussetzen - doch das sind die Reste traditionellen Bewusstseins. Die Online-Beichte ist längst etabliert, der Konfirmanden-Unterricht firmiert als Jesus-Chat. Und statt "Amen" reicht wohl inzwischen ein fester Doppelklick.

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