Matthies meint : Jetzt die Kartoffeln aufsetzen!

Der 7. April ist eigentlich ein unspektakuläres Datum, keiner der 50 schärfsten deutschen Hit-Gedenktage. Wir erinnern uns vor allem deshalb an ihn, weil am 7. April 1962 die Rolling Stones gegründet wurden und am 7. April 2006 bei Gate Gourmet in Düsseldorf der längste Streik in der Geschichte der Bundesrepublik zu Ende ging. Seit gestern ist er auch der Tag, an dem das Fliegen endgültig zur nervtötenden Geduldsprobe wurde: „Ja, Schatz, wir sind jetzt gerade über Neufundland, du kannst langsam die Kartoffeln aufsetzen, und denk dran, dass die Zufahrt zur Garage frei ist, bussi!“

Die EU-Kommission hat am gestrigen Montag die, wie es so traulich heißt, Rahmenbedingungen für das Telefonieren an Bord geschaffen. Rahmenbedingungen heißt: In kürzester Zeit wird das Realität sein, was keiner will, der noch einen Teil seiner Tassen im Schrank hat: Sie quatschen an Bord alle durcheinander, die hysterischen Broker und die wendigen Kontaktgenies, die weltweit gefragten Technikzauberer und die einfachen Wichtigtuer, die sich notfalls selbst anrufen, um den Sitznachbarn mitzuteilen, dass sie ihren heiklen Posten Öltermine gerade mit Millionengewinn abgestoßen haben.

Kurz: Es wird die Hölle, auch wenn ein paar deutsche Gesellschaften wie Air Berlin und die Lufthansa noch hinhaltenden Widerstand leisten. Allerdings ist es schwer, die Argumente der Gegner ernst zu nehmen, wenn bei British Airways beispielsweise befürchtet wird, das Telefonieren an Bord könnte das Reiseerlebnis abwerten – als gäbe es bei einem typischen Economy-Flug mit 32 Millimeter Sitzabstand und final durcherhitztem Tütenessen noch irgendetwas abzuwerten.

Die Technik ist da, also wird sie kommen. Eine Weile mögen die Fluggesellschaften noch so nett sein, neben „Gang oder Fenster?“ auch „Ruhe oder Gequatsche?“ zur Wahl zu stellen, doch wer will das durchsetzen? Und was nützt es, wenn ein Dauerredner dann eben das Klo blockiert, weil er seine Frau in 5000 Kilometer Entfernung unbedingt davon abhalten will, die Scheidung einzureichen?

Vermutlich kann das Problem nur über den Preis geregelt werden: In der Business Class werden nur SMS und Internet erlaubt, in der ersten bleibt alles verboten. Wer zahlt, kann sich absolute, himmlische Ruhe verschaffen, während hinten in der Holzklasse das große Quasseln alle Grenzen sprengt. Eine neoliberale Teufelei, gewiss. Aber wer sonst könnte helfen? Auf die Stones wollen wir uns lieber nicht verlassen – die fliegen sowieso nur noch im Privatjet.

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