Matthies meint : Kein bisschen Frieden

Bernd Matthies

In all den echten Weltkatastrophen gehen gegenwärtig viele Ereignisse unter, die uns früher als Katastrophe durchaus ausgereicht hätten. Zum Beispiel der „Eurovision Song Contest“, den unsere älteren Mitbürger noch als Grand Prix de la Chanson de schnätterätäng kennen werden – eine überlange TV-Sendung mit grauenhaften Musikdarbietungen, an deren Ende entweder Irland oder Abba obsiegten, während Deutschland meist unterging.

Allerdings kämpft das Ereignis tapfer gegen das Nicht-richtig-bejubelt-Werden. Denn plötzlich werden wir schon am sonst völlig unverdächtigen Dienstag mit einem Contest-Halbfinale überzogen, dem am Freitag ein weiteres Halbfinale folgt. Nach dem Finale am Sonnabend kommt es schließlich zur Premierenparty, zu deren Übertragung, wie dpa im Staatsbesuchston meldet, „vermutlich die No Angels live aus Belgrad zugeschaltet werden“. Die No Angels, holla, das ist ein guter Ersatz, wenn Putin und Bush gerade nicht verfügbar sind. Allerdings ist es fraglich, ob sie in der Eile jene jürgenklopphaft profunden Analysen abliefern, die wir in einer solchen Sendung erwarten müssen: dass die baltischen Staaten mal wieder einen unüberwindlichen Stimmblock gebildet haben und dass Isländer von einem tief sitzenden Widerwillen gegen moldawische Balalaikaspieler geschüttelt werden, so was in der Richtung.

Generell wird man jedoch sagen dürfen: Musik ist Politik, und da geht es immer schon beim ersten Ton ums große Ganze. Gefangene werden nicht gemacht, und nach dem Gesetz der ansteigenden Medienpräsenz für jeden noch so abseitigen Quark müssen wir schon jetzt fürchten, dass der Contest in zehn Jahren die gesamte zivilisierte Welt erfasst hat. England wird dann gegen die separate Beteiligung der Falklandinseln seine Gurkha-Bataillone in Marsch setzen, und China droht mit einem weltweiten T-Shirt-Boykott,wenn die Gruppe „Dalai Lama“ mit ihrem Welthit „Fuck Mao Ze Dong“ teilnehmen darf.

Bitte, das sind jetzt Projektionen, das kann auch anders laufen. Aber die Zeiten, in denen Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ den Sieg davontragen konnte, sind vorbei. Die Völker der Welt haben nämlich bemerkt, dass selbst dieser Mount Everest der Liedermacherkunst absolut keine politischen Folgen hatte.

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