Matthies meint : Kleiner Stilwandel im Präsidialamt

Viel war ja schon vom Stilwandel die Rede, den der Wechsel im Bundespräsidialamt mit sich bringen wird, die Wende von der hannöverschen Halbseide zum norddeutsch-protestantischen Ganzleinen. Ein Ruck für Deutschland zweifellos, der auch die sogenannten First Ladies betrifft. Die Neue, Daniela Schadt aus Nürnberg, hat sich beispielsweise noch nicht demonstrativ im schulterfreien Abendkleid gezeigt, doch man wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen können, dass sie im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin nicht der Tattoo-Typ ist.

Das ergibt sich im Übrigen auch aus der Beobachtung, dass Journalisten wie sie generell nicht zum Tätowiertsein neigen. Sie zeigen sich damit als Menschen, die die Individualität des eigenen Körpers nicht eigens betonen wollen. Übrigens neigen sie auch nicht dazu, die Individualität des eigenen Autos durch Breitreifen, verchromte Spoiler und doppelte Auspuffrohre zu betonen, aber das mag daran liegen, dass viele überhaupt kein Auto haben.

Ein Exkurs. Wo waren wir stehen geblieben? Bei der Individualität des eigenen Körpers, die nach Expertenmeinung das Hauptmotiv einer Tätowierung ist. Sie kommt aus der Tradition der Seefahrer und Gefängnisinsassen, von Berufen also, die sonst nur wenig individuelle Gestaltungsmöglichkeiten zulassen. Längst hat sie aber auch Köche und Handballspieler erreicht, die vermutlich eher das aggressive Element schätzen.

Ferner hat sich der Eindruck herausgebildet, dass ein geeignetes Tattoo die sexuelle Attraktivität seines Trägers hebt. Wer sich in den Schwimmbädern und Saunas des Großraums Berlin auskennt, der weiß, dass das a) bei den Betreffenden meist auch dringend erforderlich ist und b) leider trotzdem nicht funktioniert.

Aber die Körperkunst will mehr. Lady Gaga trägt auf dem Arm ein paar Zeilen von Rilke, das zielt direkt in die Regionen von Geist und Macht. Man könnte sich also vorstellen, dass ein erfolgreicher Hedgefondsmanager die Kurve der Wertentwicklung 2009–2012 auf dem Bizeps trägt oder ein Bundesminister seine jeweiligen Umfragewerte auf den ... Nein, den Körperteil mag sich hier jeder selbst ergänzen.

Wenig davon im Präsidialamt. Gaucks designierter Sprecher Andreas Schulze soll Punk hören und Union-Fan sein, das ist genug für den Anfang. Allenfalls ein kleines Kirchenlied („Befiehl du deine Wege“?) würden wir auf dem Arm der First Lady akzeptieren.

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