Matthies meint : Kleines Plädoyer für Bonn

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Die Debatte über die Frage, ob Bonn rein hauptstadtmäßig noch gebraucht werde, spitzt sich gerade wieder ein wenig zu. Wenn es möglich sei, sämtliche Atomkraftwerke abzuschalten, müsse man es doch auch schaffen, dieses letzte Rudiment der Adenauer-Ära zu schleifen, meinen viele. Bonn kann naturgemäß an dieser Wendung nicht interessiert sein und hat daher seinen Veranstaltungskalender um ein paar große und wichtige Sachen ergänzt, die wichtigste ist die Afghanistan-Konferenz im Dezember.

Sie ist jetzt schon vorab aufgefallen, weil der Vorschlag gemacht wurde, dazu auch Taliban einzuladen. Eine hübsche Idee! Allerdings ist nur schwer vorstellbar, wie das im Detail aussehen würde. Denn es kann sich ja nur um sogenannte gemäßigte Taliban handeln, die auf überzogene Verhaltensweisen wie Frauensteinigen und Selbstmordanschläge zumindest dann verzichten, wenn das Handgeld stimmt. Was sie im Grunde ja unsympathischer macht als die fundamentalistischen Kollegen, die sich ihre innersten Überzeugungen nicht von der Logik des westlichen Kreuzfahrer-Kapitals abkaufen lassen.

Ihre Vertreter würden also – per Linienflug? – in Köln-Bonn eintreffen, sofern die CIA ihnen glaubhaft verspricht, dass sie nicht auf der Terrasse des Petersbergs von einer Drohne abgeschossen werden. Kaum haben sie ihre kargen Zimmer bezogen, müssen sie schon wieder runter in ein Konferenzzimmer, weil dort Margot Käßmann sie zum Gebet ruft – dies sei, so heißt es, der entscheidende Test auf Konferenztauglichkeit. Ist er bestanden, müssen sie ein Spalier von Talkshow-Redakteuren passieren, die sie in ihre jeweilige Sendung einladen wollen; es siegt Günter Jauch, weil er sich verpflichtet, sein Sendestudio akkurat gen Mekka auszurichten. Die Verhandlungen über einen Taliban-Sitz im WDR-Rundfunkrat werden allerdings vertagt, weil Henryk M. Broder damit droht, sich in diesem Fall in die Luft zu sprengen.

So ungefähr könnte die Sache laufen, aber nur in Bonn, einer kleinen Stadt, die sich auf so etwas voll und ganz konzentrieren kann. Für Berlin wäre die Herausforderung einfach zu groß: Die Stadt würde die Taliban-Vertreter in eine gefährliche Glaubenskrise stürzen. Abtanzen im Berghain, Grillen im Tiergarten, friedvolles Rumhängen auf der Admiralbrücke, all das könnte ihren Glauben an die Sinnhaftigkeit des Lebens in afghanischen Höhlensystemen erschüttern und zu einer Verlagerung des Tätigkeitsschwerpunkts führen, vielleicht ins Neuköllner Rollbergviertel?

Ja, und deshalb wird Bonn von Berlin immer noch dringend gebraucht.

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