Matthies meint : Lätta zum Wohnen

Bernd Matthies HP Kontur

Ikea – das ist gewissermaßen die schwedische Version von Toyota, nur ohne Räder und Gaspedal. Trotz gelegentlicher Rückrufaktionen irgendwie unsinkbar, weit erhaben über die skandinavischen Patienten von Saab bis Volvo; das Einzige, was dem Konzern wirklich zu schaffen macht, ist die immer mal durchs Internet rauschende Geschichte von den Kindern, die im Spieleparadies zwischen den bunten Plastikkullern weggefangen werden und später mit nur einer Niere wieder irgendwo auftauchen – und die ist so erfunden wie, beispielsweise, die „Protokolle der Weisen von Zion“.

Eigenartigerweise bringt der Deutsche dem Unternehmen besondere Zuneigung entgegen. Klaglos steht er sich an den Kassen die Beine in den Bauch, um einen Sack Teelichte und einen Geweihfarn im Topf abzuschleppen, und wenn es einmal ein bisschen mehr sein darf, dann umringt zu Hause die ganze Familie das geöffnete Paket, schraubt alles falsch zusammen, dann ohne Murren wieder auseinander und noch mal falsch zusammen.

Deshalb ist es vollkommen konsequent, dass das Unternehmen nun auch in den Immobilienmarkt einsteigt und Häuslebauern das Modell „BoKlok“ offeriert. Ein Holzhaus, kastenförmig, mit der architektonischen Raffinesse eines Asylbewerberheims der 90er Jahre; innen verströmt es, klack, klack, die laminatene Härte des ökomodernen Wisch-und-weg-Milieus, Lätta zum Wohnen.

Aber das entspricht den Wünschen der Nutzer. Der deutsche Schwedophile trägt zum Mankell-Roman gern die Baumwolle nach innen, jegliches Repräsentiergehabe ist ihm fremd, den Volvo fährt er nur wegen der Sicherheit, und deshalb taucht er viel lieber im Einerlei einer ochsenblutroten Holzhaussiedlung unter, statt hinter Jägerzaun und Petunienbalkon dem individuellen Spießertum zu verfallen.

Nur sind eben nicht alle Deutschen schwedophil. Im hessischen Langenhain, wo eine BoKlok-Siedlung entstehen soll, geht der Bruch präzise durchs Parteiensystem. Die SPD findet die egalitäre Ausstrahlung der Häuser sympathisch, die CDU nennt sie hingegen „alles andere als kreativ“ und nicht mal billig – wir sehen also, dass es in den Zeiten zerbröselnder Parteigrenzen, mitten im Mahlstrom einer alles einebnenden Sozialdemokratisierung, immer noch Standpunkte gibt, die um ihrer selbst willen eingenommen werden.

Das Ergebnis ist bisher offen. Vermutlich wird die Lust am BoKlok spätestens dann ein wenig nachlassen, wenn die ersten Familien das Haus aus dem Kofferraum geholt und drei Mal falsch zusammengeschraubt haben.

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