Matthies meint : Mahnung vom großen Frauenversteher

Was macht eigentlich Günter Grass? In den letzten Monaten schien es, als habe der Uraltmeister des weltweiten Sinnstiftens ein wenig Boden gegen Helmut Schmidt verloren, der publizistisch besser aufgestellt ist und nicht passiv warten muss, bis irgendein Journalist dringend nach seiner Meinung verlangt. Vor wenigen Tagen wurde in Meppen eine Ausstellung mit Grass-Grafiken eröffnet, und der Nobelpreisträger ließ die Gelegenheit verstreichen, sich aus dem Emsland an die Welt zu wenden und, beispielsweise, ein gutes Wort für den vom Finanzkapital ausgesaugten griechischen Sozialstaat einzulegen.

Dafür hat er sich jetzt freundlich zum Frauenfußball geäußert. Ehrlich! Leider wird aus dem vorliegenden Material nicht klar, wie das gekommen ist. Möglicherweise hat einfach bei dpa in Kiel das Telefon geklingelt, der Volontär nimmt ab, und eine Stimme brummelt: „Grass hier, ich wollte mal eben was zur WM sagen.“ Oder eine systematische Suche der Agentur hat ihn als den allerletzten Prominenten identifiziert, der noch nichts über Frauenfußball. . .

Nun hat er. Eine Sympathiebekundung. Aber bitte, Herr Grass, nun mal weiter! „Ich hoffe für den Fußball der Frauen, dass bei zunehmendem Erfolg diese dem männlichen Fußballspiel gleichwertigen Leistungen dennoch nicht durch zu starke Kommerzialisierung ihren noch dominierenden sportlichen Charakter verlieren.“

Bitte, geht doch. Man sieht ihn richtig vor sich, wie die Pfeife sich vor Abscheu hebt und der weltberühmte Schnauzbart zittert. Der Kommerz! Nun ließe sich ja viel für oder gegen die Kommerzialisierung des Sports sagen, es werden bisweilen schwachsinnige Summen überwiesen, und die Nutella-Werbung mit unseren Nationalspielern ist so beschaffen, dass man sich als Zuschauer am liebsten in einem Kübel Gurken ertränken möchte. Aber dass der Fußball dadurch seinen einst dominierenden sportlichen Charakter verloren habe, kann wohl nur einer mutmaßen, der seit 40 Jahren beim Stichwort „Geld“ automatisch „verdirbt den Charakter“ ergänzt, außer den eigenen natürlich.

Schwer, das den kickenden Mädels jetzt noch beizubringen. Sie erobern womöglich den Titel, und Theo Zwanziger kommt in die Kabine, um ihnen eine Flasche Prosecco als Prämie anzubieten. Mehr ist nicht, sagt er, der Grass hat’s verboten. Es könnte sein, dass sie dann ihren noch dominierenden freundlichen Charakter verlieren.

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