Matthies meint : Mangels Luftwiderstand unberechenbar

Der Fußball, oje. Ohne ihn lässt sich das gleichnamige Spiel bekanntlich schlecht ausüben – und wehe, er flattert. Die Angst des Torwarts vor flatternden Bällen hat die allgemeine Angst des Tormanns beim Elfmeter längst in den Schatten gestellt, das geht schon ein paar Europa- und Weltmeisterschaften so.

Es ist menschlich an sich verständlich. Denn welcher Torhüter, der seine sieben Zwetschgen beisammen hat, wird schon vor dem Anpfiff sagen, der Ball sei klasse und praktisch mit links zu halten? Doch wehe, es war noch nie sooo schlimm. „Europass“ heißt das ab heute im Einsatz befindliche Exemplar, ausgedacht in den Labors einer nicht ganz unbekannten deutschen Firma mit drei breiten Streifen. Es handelt sich um eine Art Kurt Beck unter den Fußbällen: ziemlich rund, mangels Luftwiderstand total unberechenbar, jederzeit zu Änderungen der Flugbahn bis in die letzte Sekunde bereit. Die Mauer ist da im Prinzip so hilflos wie der Parteivorstand, wenn wieder ein Interview mit hinterlistigem Effet …

Wir wollen die Politmetaphorik nicht zu sehr strapazieren und lieber auf die Ebene des allein seligmachenden Spiels zurückkehren, bei dem ja nun schlechthin alles reguliert ist, nicht nur der Ball. Die deutschen Spieler beispielsweise dürfen sich höchstens eine Autostunde vom Mannschaftshotel entfernen, um bei plötzlichen Dopingkontrollen rechtzeitig wieder da zu sein. Das hört sich streng an, ist aber beim arttypischen Fahrverhalten deutscher Fußballprofis keine gravierende Einschränkung. Eine Autostunde, dieser Radius reicht bei ihnen locker vom Lago Maggiore bis nach Bari beziehungsweise an die deutsch-dänische Grenze.

Das schafft der Ball allein nicht, auch wenn der Name „Europass“ diesen grenzüberschreitenden Touch hat. Dafür ist er in allen europäischen Dialekten zu verstehen, und weder rumänische noch schwedische Spieler werden ratlos nach dem Dolmetscher verlangen, weil sie die Bedienungsanleitung nicht kapieren. Anlaufen, draufhauen und abwarten, was passiert, das dürfte ausreichen, um vorn beim Torhüter maximale Verwirrung zu stiften: Knickt die Flugbahn? Kippt sie? Kehrt das Ding um wie Harry Potters goldener Schnatz?

Ach, am Ende ist es so, wie der kroatische Ballsachverständige Ivica Vastic dieser Tage formuliert hat: „Der Ball ist so, wie er ist.“ Dem möchte man angesichts der bevorstehenden Wochen nichts mehr hinzufügen.

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