Matthies meint : Martin L. und die Plastikwichtel

Religion ist ja nun mal das Mega- Thema schlechthin, da können unsere Atheisten noch so lange an die Macht der Vernunft appellieren. Denn viele Menschen glauben an ihren jeweiligen Gott mit einer Inbrunst, die buchstäblich über Leichen geht, da hilft die Vernunft sowieso nicht weiter. Unsere westlichen Glaubensrichtungen – Christentum, Klimakatastrophe, Power-Shopping – wirken dagegen ungeheuer kraftlos, das wiederum ist sicher ganz gut und sehr vernünftig.

Besonders die protestantische Kirche in Deutschland allerdings steht immer recht weit draußen auf der Kante, wirkt auf konservative Geister oft ein bisschen wie Greenpeace mit Glockengeläut und Wellness-Predigt. Falls sie also ihrem geistigen Vater zu huldigen wünscht, dann wird sie doch sicher mal was theologisch Fundiertes, ethisch Wegweisendes …?

Wird sie nicht. 800 bunte Martin-Luther-Zwerge wurden jetzt auf dem Wittenberger Marktplatz aufgebaut, ausdrücklich mit dem Ziel, protestantische Inhalte zu vermitteln. Allerdings will man die Glaubenshohlkörper bei dieser Aufgabe nicht alleinlassen, sondern ihnen mit Lesungen echter Luther-Texte assistieren und ist gespannt darauf, ob die Leute mehr über Plastikwichtel oder über Theologie reden.

Ja, das Ganze ist natürlich in erster Linie Kunst und als solche argumentativ unantastbar, zumal sich die Aktion am Ende durch den Verkauf der Figuren auch noch selbst finanzieren soll – eine subtile Art des lutherkonformen Ablasshandels als Endlosschleife. Wer es mag, kann also einen Kunststoffreformator neben den Berliner Buddy-Bären in seinen Garten stellen und damit zum Ausdruck bringen, dass er beide intellektuell in etwa gleich hoch einstuft.

Ist das nicht einfach lustig, weltoffen? Wird es der Kirche nicht junge Leute zutreiben, die für sich geloben, hey, der alte Luther war ein cooler Hund, dem folge ich nach für jetzt und immerdar?

Nein, das ist es nicht, und das wird es nicht. Das alles verpufft wie Margot Käßmanns Schwips am Morgen danach und wird zwar Millionen Fotos, aber keine theologischen Folgen zeugen. Allerdings: Vielleicht kann Jürgen Trittin ein paar Plastik-Luther als Gastgeschenk mitnehmen, wenn er zu seinen Verhandlungen mit den gemäßigten Taliban reist. Die werden dann sicher blitzartig begreifen, dass er in restlos friedlicher Mission zu ihnen kommt. Und nicht etwa als aggressiver christlicher Kreuzfahrer.

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