Matthies meint : Meine Ängste gehören mir

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Was ist eigentlich aus der guten alten Phobie geworden? Das griechisch verwurzelte Wort stand einst für alles, wovor ein Mensch Angst haben konnte, vor Spinnen, weiten Plätzen, engen Räumen – Epistaxiophobie beispielsweise ist die Angst vor Nasenbluten. Gemeinsam ist diesen psychologisch-medizinisch definierten Phobien, dass sie keine reale Grundlage haben oder doch zumindest der realen Gefahr völlig unangemessen sind, und insofern ein Krankheitsbild darstellen, das prinzipiell behandelbar ist.

Homophobie, nun wird es interessant, ist die Angst vor Gleichheit und Monotonie, aber auch vor Homosexualität. Transphobie, ein offenbar brandneuer Begriff, meint die Angst vor Transsexualität oder Transsexuellen. Beide Begriffe stehen im Koalitionspapier von SPD und CDU. „Wir verurteilen Homophobie und Transphobie und werden entschieden dagegen vorgehen“, heißt es darin. Das klingt für unvorbereitete Phobiker ein wenig nach Einweisung in die Psychiatrie, ist aber offenbar ganz anders gemeint, nämlich politisch.

Wir kennen diese neusprachliche Umdeutung der Phobie aus den aktuellen Religionskonflikten. Wer gegen den Islam oder eine seiner Erscheinungsformen angeht, der ist nicht länger Islamkritiker, sondern „islamophob“, ganz egal, ob er streng sachlich argumentiert oder Moscheen anzündet. Der Trick: Auch legitime Kritik wird mit dem Etikett „Phobie“ als krankhaft abgestempelt. Müssen wir nicht drüber reden, der Typ spinnt.

Bei der Homo- und Transphobie liegen die Dinge noch anders. Natürlich ist Angst vor Homo- oder Transsexuellen unsinnig, der Hass auf sie idiotisch, aber beides kommt häufig vor. Äußert es sich in Straftaten, muss der Staat eingreifen, das bedarf keiner Festlegung in Koalitionsgesprächen. Es geht also um etwas anderes: „Phobie“ in diesem frisch umgedeuteten Sinn steht offensichtlich für Ablehnung, wenn nicht gar für einfache Gleichgültigkeit, und das ist seltsam.

Denn unerwünschte Aussagen wie „Ich lehne Homosexualität ab“ oder „Ich bin gegen die Gleichstellung homosexueller Paare in der Ehe“ oder „Mir sind Transsexuelle vollkommen schnurz“ sind von der Meinungsfreiheit gedeckt; es gibt auch keinen Straftatbestand der Transsexualitätsleugnung. Doch offenbar will die Koalition gegen eine solche Haltung vorgehen, und zwar entschieden.

Aber wie mag das genau aussehen? Grundlage regierungsamtlichen Vorgehens sind Gesetze, und die würde ich dann schon gern mal sehen. Und umgekehrt wird es erst recht schwierig. Ich zum Beispiel würde mit allen demokratischen Mitteln, ja sogar entschieden dafür eintreten, dass jeder Homosexuelle sagen darf: „Heteros sind für mich das Letzte, ich würde lieber tot umfallen, als so einer zu sein.“ Heterophob, nicht wahr? Aber die Regierung, finde ich, geht auch das nicht das Geringste an.

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