Matthies meint : Merkel verdattert Chavez

Oh, es ist entgegen dem ersten Anschein durchaus möglich, Adolf Hitler und Angela Merkel zu vergleichen. Der eine ein größenwahnsinniger, mörderischer Diktator, die andere eine sehr erfolgreiche, international geschätzte demokratische Politikerin. Er tot, sie lebendig. Er Mann, sie Frau. Er meist hysterisch stammelnd, sie freundlich parlierend. Sie ahnen schon, worauf das hinausläuft: Wir können Hitler und Merkel genauso vergleichen, wie wir Äpfel und Birnen hinsichtlich Form, Aroma, Farbe und Konsistenz vergleichen können. Nur: Was bringt das genau?

Die Frage stellt sich neu, da Hugo Chavez, der venezolanische Staatschef, soeben etwas in dieser Richtung formuliert hat. Die Kanzlerin, sagt er, gehöre „derselben Rechten an, die Hitler, die den Faschismus unterstützt hat“. Bitte, das ist rein politologisch gesehen etwas unpräzise, weil Angela Merkel ja weder dem Zentrum noch der NSDAP angehört und auch keinerlei Verbindungen zu, sagen wir, Hugenberg, unterhält. Aber der Satz erfüllt den angepeilten Zweck, möglichst beleidigend zu wirken, unterstrichen noch durch den eleganten Schlusssatz „Frau Bundeskanzlerin, Sie können …“

Stellen wir uns das ungefähr so vor: Chavez sitzt verdattert in seinem Büro, das volksverbundene Herz klopft vor Schreck und Schmerz. Gerade hat die Kanzlerin formuliert, er, Chavez, sei nicht die Stimme Lateinamerikas. „Bin ich doch!“, denkt er, „das hat selbst Kamerad Fidel gesagt!“ Aber für sein Publikum braucht er Griffigeres – das reicht schließlich von Oskar Lafontaine über globalisierungskritische Eskimos bis zu analphabetischen Koka-Bauern, und der einzige Bösewicht, den auf der Welt alle kennen, das ist halt dieser Hitler.

Chavez hat es ja auch nicht so gemeint. Er meint es nie so. Vor kurzem hat er gesagt, es scheine, dass die Nachkommen der Christus-Mörder sich auch den ganzen Wohlstand der Welt genommen hätten. Das klang in den Ohren vieler Kritiker antisemitisch, war aber nicht so gemeint, es scheint eben nur so, nicht wahr? Und was seine Unterstützung des iranischen Staatspräsidenten angeht, der Israel von der Landkarte tilgen will, so scheint eben auch das nur so, das ist prägnante Rhetorik, nicht schlimmer, als würde Angela Merkel der FDP einen Irrtum vorwerfen.

Ach, was Angela Merkel anbelangt: es bleibt vorerst offen, was sie bezüglich Chavez kann – er hat den Satz, höflich, nicht fortgesetzt. Sie könnte ihn zum Beispiel ebenfalls ein wenig hitlerisieren, könnte formulieren, er gehöre derselben Linken an, die den Antisemitismus unterstütze und damit Hitlers Ideen. Aber das würde sie nie tun. Gut, dass wir verglichen haben.

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