Matthies meint : Mit oder ohne Rechnung?

Bernd Matthies

Aufmerksame Beobachter der Steuerszene, beispielsweise der Gewerkschaftler Dieter Ondracek, hämmern es uns immer wieder ein: In Deutschland ist Steuerhinterziehung ein Volkssport. Das weckt naturgemäß großes Interesse bei Menschen, die Schach und Geräteturnen satthaben und auch beim Kanu-Polo nur noch desinteressiert absaufen. Gemeinsam Steuern verkürzen bei Hefeweizen und den größten Hits der 80er! Das wär’s. Doch kaum jemand weiß, an wen er sich wenden muss: Die Namen großer Bundesliga-Vereine wie Offshore Plön, Schwarzgeld Recklinghausen oder der Pirna Tax Drivers werden auch unter Steuerberatern nur flüsternd weitergegeben.

Der für den Sport zuständige Innenminister hat zwar kürzlich ein Grußwort für den Berliner Fachkongress Tax Evasion in a Changing World formuliert, hält sich aber mit eigenen Initiativen zurück; auch die Anerkennung ehrenamtlicher Übungsleiter hängt noch im Gesetzgebungsverfahren. Zwar darf jeder Jugendtrainer alle zwei Jahre ein Steuerbord als Werbungskosten geltend machen, doch das gilt Experten als unzureichend; schließlich, heißt es, hole man viele Jugendliche mit dem Hinterziehungstraining aus der Gewaltspirale heraus und mache sie fit für den Weg in die Chefetagen.

Viele Vereine gehen mit maßgeschneiderten Angeboten auf die Bevölkerung zu. Für die hinterziehungstechnisch benachteiligten Beamten bieten sie kleine Schnupperkurse zu den Themen „Fachliteratur“ und „Kilometerpauschale“; Handwerker lernen, die Frage „Mit oder ohne Rechnung?“ mit dem nötigen Nachdruck zu stellen. Für erfolgsverwöhnte Gastwirte gibt es schließlich Vorträge wie „Geldwäsche – weiße Weste schon bei 30 Grad?“ oder „Wie viele Schnitzel gehen wirklich auf ein Kilo Fleisch?“

Wer allerdings in die erste Mannschaft eines Topvereins aufgenommen werden möchte, der kommt mit solchen Petitessen nicht weiter. Hartes Formulartraining, tägliche Anrufe beim Chef der zuständigen Oberfinanzdirektion und die Bereitschaft, jederzeit rund um die Uhr am steuerlich optimalen Standort stiften zu gehen – das sind nur die Mindestvoraussetzungen.

Kein Wunder, dass bei solch heftiger Konkurrenz auch unlautere Mittel zum Einsatz kommen. In letzter Zeit hört man gerüchteweise von Kontendoping und Eigengeldtransfusionen, Methoden also, die geeignet sind, den ehrenwerten Volkssport der Steuerhinterziehung dauerhaft in Verruf zu bringen. Vermutlich stehen uns die wirklich erschütternden Selbstanzeigen erst noch bevor.

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