Matthies meint : Moin ist auch noch ein Tachchen

Es ist dies ja die hohe Zeit der plebiszitären Demokratie. Unser Weg in die Zukunft des Landes wird dermaßen von Volksbegehren, Volksentscheiden und anderen komplexen Vorgängen begleitet, dass Menschen ohne Sekretariat schon am Verwaltungsaufwand scheitern: Ist das jetzt eine Benachrichtigung wegen der Parkzone, oder geht es um Tempelhof, heißt „Ja“ in Wirklichkeit „Nein“ – oder umgekehrt? In diesem Sinn sind die Pläne der Innenminister zum erweiterten Lauschangriff für uns alle eine große Entlastung. Denn bald muss niemand mehr ins Wahllokal laufen, weil sie im BKA ja schon längst per Minimikrofon aus erster Hand wissen, welche Meinung der Einzelne zu den Fragen der Saison vertritt. Echtzeitdemokratie!

Wo waren wir … Ja, das Plebiszit. Es ist dennoch ein wenig erstaunlich, wie leicht sich die Deutschen zu einer Meinungsäußerung verleiten lassen, wenn die Medien nur richtig fragen. Längst brennt kein Würstchen mehr auf einem Grill an, ohne dass hinterher die betroffenen Passanten vor der Kamera des Lokalsenders zu Wort kommen und Sätze äußern wie: „Ja, ick sach ma, det warn janz unauffällijet, nettet Würstchen, det is echtn Jamma, wa?“

Ein niedersächsischer Radiosender hat jetzt einen Skandal aufgedeckt, der die Umgebung Hannovers so bewegte, dass fast 20 000 Protestunterschriften zusammenkamen. Es geht darum, dass das Microsoft-Textprogramm „Word“ bei der Rechtschreibprüfung den norddeutschen Gruß „Moin“ als Fehler bemängelt und pikiert eine rote Zickzacklinie unterlegt, sobald das Wort auf dem Monitor erscheint. Das Problem lässt sich zwar individuell durch einen einzigen Mausklick beseitigen – aber es geht ja ums Prinzip, um die grundsätzlich niedersachsenverachtende Haltung des US-Großkonzerns und seiner Hinterheuschrecken … Na, Sie wissen schon.

Der Großkonzern ist prompt eingeknickt und hat für die neue Version des Programms versprochen, „Moin“ nicht mehr als Fehler zu werten. Das Kulturgut ist gerettet! Vermutlich werden nun allüberall im Land ähnliche Kampagnen losbrechen, um beispielsweise das berlinerische „Tachchen!“ vom Fluch der roten Linie zu erlösen. Eine irre Arbeit für die Microsoft-Leute.

Ach, bei der Gelegenheit, liebes BKA: Wenn deine Leute ohnehin schon bald per Bundestrojaner überall in unseren Computern sitzen: Können sie dann nicht auch gleich die Rechtschreibprüfung übernehmen? Wäre ein prima Mittel gegen Langeweile im Dienst.

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