Matthies meint : Neun Minuten Minimum

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Der große Parteitag der Christdemokraten war wieder einmal ein Hochamt der Rhetorik. Die Redenschreiber hatten ihr Bestes gegeben, und die Agenturen konnten allerschnuffigste Wortspiele vom Meter in die Redaktionen schaufeln, beispielsweise die Mahnungen der Kanzlerin, Enthaltung sei noch keine Haltung, und der Bund werde künftig nicht mehr, sondern nur „etwas weniger zu wenig“ Geld haben.

Fernab in München lief auch Horst Seehofer zu großer Form auf, als er mitteilte, die Union müsse „mit beiden Lungenflügeln atmen“. Gemeint waren Wirtschafts- sowie Soziallungenflügel, ein schönes metaphorisches Bild, das noch viel Spielraum für Varianten lässt, mit beiden Augen sehen, mit beiden Ellenbogen arbeiten, oder, ein fieser Seitenhieb gegen die SPD, mit beiden Nieren pinkeln.

Es gehört sich für eine Volkspartei, dass derlei Filigranmetaphorik mit großem Beifall begrüßt wird, nicht nur aus Höflichkeit, sondern vor allem als Signal der Stärke an den politischen Gegner. Das Mindeste ist sogenannter starker Applaus, am besten aus der Premium-Kategorie „nicht enden wollend“. Seit einiger Zeit hat es sich eingebürgert, trotzdem die Zeit zu stoppen, deshalb wissen wir, dass Angela Merkels Weniger-zu-wenig-Rede knapp zehn Minuten Beifall bekommen hat. Das ist statusgerecht genau das Doppelte des kürzlich dargebrachten Seehofer-Beifalls, und exakt genauso lang wie der Applaus, den die Mitglieder des US-Kongresses der Kanzlerin im vergangenen Jahr spendeten. Man wird also sagen dürfen, dass das Minimum für eine große Merkel-Rede nun bei mindestens neun Minuten liegt, das kann schon ziemlich anstrengend sein und verlangt von den Delegierten schweinslederne Handflächen.

Nun schlafen auch die Sozialdemokraten nicht, und es ist ein Applauswettlauf bis zur Wahl zu erwarten. Der weltweit längste dokumentierte Beifall wurde 1988 in Berlin gespendet, allerdings nicht für einen Politiker, sondern für Luciano Pavarotti und seine Darbietung des „Liebestranks“ in der Deutschen Oper: 67 Minuten. Angela Merkel wäre also anzuraten, dass sie ein paar Weltklasse-Arien einstudiert, um ein ähnliches Ergebnis zu erreichen.

In der „Zauberflöte“ fände sich ein passendes Stück: Die Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“. Der Text passt in alle politischen Lebenslagen, beispielsweise falls die Wahl in Stuttgart in die Hose geht. Sie wird dann allerdings auch mit beiden Lungenflügeln atmen müssen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar