Matthies meint : Nihilisten in Nietenhosen

Sigmar Gabriel ist ein lustiger Gesell, der Kung-Fu-Panda der Sozialdemokratie. Es lohnt sich, seinen Worten zu lauschen, denn sein Reden ist bildhafte Vergegenständlichung abstrakter Abläufe, reißt der Realität die Maske vom Gesicht, auf dass dahinter die Fratze der Alltagspolitik …

Also, jedenfalls tendenziell. Der Regierungsstil der Kanzlerin, so hat Gabriel am Montag formuliert, sei zum „Turbolader für Politikverdrossenheit“ geworden. Das lohnt eine Erklärung: Ein Turbolader sitzt hinter dem Motor im Abgasweg, wird also von schlechter Luft angetrieben, um oben in den Motor saubere Luft hinzupumpen. Wrummm, die Leistung steigt!

Schließt man also den Merkel-Regierungsstil an den Politikverdrossenheitsmotor an, dann nimmt er ihre schlechte Luft auf, gerät in Rotation, pumpt oben frische Luft hinein, die Verdrossenheit macht einen Satz, geht ab wie verrückt. Ja, so ganz kann man sich das nicht vorstellen, aber es klingt erst mal flott und macht viele weitere Autometaphern möglich – man könnte beispielsweise höhnen, die FDP sei der kaputte Rußfilter der CDU, oder die Kanzlerin gleiche einem weltpolitischen Geisterfahrer ohne Antiblockiersystem.

Doch Gabriel hatte auch noch Unzeitgemäßeres anzubieten. CDU und FDP stritten sich „wie eine Bande von Halbstarken“, sagt er. Unseren Lesern, die hier „Hä? Halbstarke? Zeig ich dir, du Opfer!“ anmerken, sei gesagt: Die sog. Halbstarken sind der Schwarze Block des frühen 20. Jahrhunderts. „Junge Kerle mit schmierigen Mützen über den fahlen Gesichtern, die elende Brut der lichtlosen Gänge und giftschwangeren Hinterhäuser“ heißt es in einer ersten Quelle von 1905, und schon damit ist ja die junge Garde der FDP, nun ja, nicht ganz genau beschrieben, aber Gabriels Zuhörer ahnen schon, worauf es hinausläuft. Straßenschlachten! Zerstörungswut! So waren die Halbstarken, die wir uns wie eine Art Hooligans ohne Fußballverein, als Nihilisten in Nietenhosen vorstellen müssen.

Gabriel hat es nun am Montag versäumt, auch noch ein weiteres vergessenes Wort in die Debatte zurückzubringen, nämlich den „Rowdy“. Kein Wort von den „Rowdys auf der Regierungsbank“, nichts von „Koalitionshändeln im Stil jugendlicher Rowdys“ – eine vertane Chance. Doch es mag sein, dass er sich die ganz starken Bilder für seine Ich-will-Kanzler-werden-Rede aufbewahrt, die ihn als Ganzstarken vorbei an den Halbstarken Steinbrück und Steinmeier auf den Chefsessel beschleunigt, angetrieben vom Turbolader Parteitagsrhetorik, wrummm. Na, wie Politik eben so funktioniert.

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