Matthies meint : Nur in dringenden Fällen!

Bald kommt wieder die hohe Zeit der Abwesenheitsnotizen. „Leider bin ich bis zum 8. August nicht im Büro und kann E-Mails deshalb nur ausnahmsweise abrufen. Bitte wenden Sie sich in dringenden Fällen an …“ Wer das noch ganz doll modern findet, der hat einen wichtigen Aspekt des modernen Lebens übersehen: Jeder, der nicht in der technischen Steinzeit lebt, kann seine E-Mails heute überall abrufen, in der Sauna, in der Antarktis, egal. Und das Handy hat er ohnehin immer bei sich.

Oh ja, ich weiß: Diese ständige Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit ist ein Menetekel, sie zeigt den modernen Menschen in seiner ganzen Entfremdung, unterbricht seine physiologisch determinierten Ruhephasen und … Hier, das haben wir davon: Unser Großhirn hat sich der neuen Lage angepasst und reagiert auf den Klingelton des eigenen Handys sehr viel schneller als auf fremde Töne. Bitte, das ist jetzt keine ausgedachte Alltagsweisheit, sondern Ergebnis einer neurophysiologischen Studie der Uni Leipzig, in der unangenehm viel von Neuronen des auditorischen Kortex und solchen Dingen die Rede ist.

Nichts gegen die fröhliche Wissenschaft. Aber kann das stimmen? Der Normallfall im öffentlichen Nahverkehr sieht ja so aus, dass ein Handy lautstark losrandaliert, es spielt „Smoke on the Water“ oder „Dancing Queen“ – und niemand geht ran. Kein auditorischer Kortex schüttet irgendwelche Rangeh-Neuronen aus, nur die falschen aus dem Oh-Gott-welcher-Blödmann-ist-das-schon-wieder-System.

Es dudelt weiter, nach und nach werden alle Fahrgäste in Hörweite nervös, suchen nach ihrem eigenen Handy. Denn es könnte ja sein, dass ihnen jemand einen Streich gespielt, einen fremden Klingelton untergejubelt hat, heimlich das coole Schrillen des Typs „Old Phone“ durch diese hässliche Rocknummer ersetzt hat. Doch da ist nichts.

Endlich beginnt jemand, mit rotem Kopf in der Tasche zu wühlen, greift sein Handy, lässt es hektisch fallen, hebt es hoch, drückt auf alle Knöpfe, dann endlich, ist Ruhe. Für einen Moment. „Ja, hallo, du bist’s, ja, ich bin gleich zu Hause, setz schon mal die Kartoffeln auf.“ Das war zwar kein Gegenbeweis – aber so geht es nun mal zu in der Wirklichkeit.

Richtig ist auf jeden Fall, dass der auditorische Kortex keinen Piep sagt, wenn das Handy stumm gestellt ist. Himmlische Ruhe umgibt das Großhirn, und wer was Dringendes will, der kann ja auch eine E-Mail schicken. Auf die unser System postwendend mit einer Abwesenheitsnotiz reagiert. Rufen Sie doch in dringenden Fällen mein Handy an! Sehen Sie: So hat man die Moderne im Griff.

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