Matthies meint : Ohne Pappe zum Ampelstart

Kleinkriminelle wie Ladendiebe oder Schläger sollen in Zukunft statt einer Geld- oder Haftstrafe den Führerschein verlieren – das plant die Koalition. Das ist eine justizpolitische Wende, die zumindest einen Effekt haben sollte: Überführte Autodiebe müssen sich für längere Zeit was anderes zum Klauen suchen, jedenfalls wenn sie gesetzestreu sind. Aber sonst ist das Konzept äußerst umstritten.

Gemeint ist ja offensichtlich, dass der ertappte Straftäter nicht mehr einfach sein Schwerergaunertes hinlegt und fröhlich pfeifend verschwindet, sondern dort angepackt wird, wo es am meisten wehtut, nämlich beim Auto. Die Folgen sind tatsächlich hart: Der Bestrafte wird von seinen Kumpels ausgelacht, in seine Lieblingsdisko nicht mehr reingelassen und bei der Partnersuche mangels Mobilität sofort aussortiert. Und er erleidet einen quälenden Aggressionsstau, weil er Stress aller Art nicht mehr beim Ampelstart abreagieren kann.

Doch was passiert mit jenen, die es in grob fahrlässiger Weise versäumt haben, überhaupt einen Führerschein zu machen? Der Richter könnte ihnen auferlegen, dies nachzuholen – und die Pappe nach bestandener Prüfung wieder wegnehmen, eine gemeine Strafe. Oder ersatzweise den Bibliothekausweis einziehen, was bei bildungsbeflissenen Kriminellen dauerhafte Wirkung entfalten könnte.

Am besten ist es vermutlich, das Modell auf alle Karten auszuweiten, die wir so bei uns haben. „Ich verurteile Sie hiermit zum sechsmonatigen Entzug der Gesundheitskarte!“, das sollte Kränkliche richtig abschrecken. Und welcher Ladendieb würde schon weiter klauen, wenn ihm das Gericht seine EC-Karte wegnimmt und sich bei schwereren Delikten auch noch die Geheimzahl geben lässt?

Schließlich müsste auch die soziale Gerechtigkeit in das Gesetzeswerk einfließen. Bei reichen, privilegierten Ladendieben könnte man beispielsweise nicht ihnen selbst, sondern ihrem Fahrer den Führerschein wegnehmen, was einen Absturz auf der Skala gesellschaftlicher Bedeutsamkeit bedeuten würde. Schließlich wäre auch an den vorübergehenden Entzug des Abiturzeugnisses oder Doktortitels zu denken – ein kleiner Beitrag der Justiz zur Chancengleichheit gebildeter Straftäter.

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