Matthies meint : Platt wie Stullen

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Polizei und Justiz sind irre überlastet, das hören wir bei jeder Gelegenheit, und vermutlich stimmt es ja sogar. Die Beschäftigung mit Bagatelldelikten kommt deshalb nur noch ausnahmsweise infrage, wenn die Feinde, die unseren Staat in Schutt und Asche legen wollen, gerade mal eine Verschnaufpause einlegen.

Es sei denn, das Bagatelldelikt richte sich gegen den Staat und seine Diener. Dann werden urplötzlich Ermittlungskapazitäten sichtbar, die vorher offenbar versteckt waren, geschlafen haben gewissermaßen für den Ernstfall, eiserne Reserve des wehrhaften Gemeinwesens. Wenn also beispielsweise ein Polizist im Demo-Einsatz angegriffen und verletzt wird, dann kennen die Behörden keine Überlastung mehr, sondern haben beispielsweise genug Zeit, mehrere Stunden lang die Wohnungen von Berufsfotografen zu durchwühlen, von denen sie vage vermuten, sie könnten den Vorfall eventuell fotografiert haben.

Nur ein aktuelles Beispiel. Aber das hier ist noch schöner: Vor 31 Jahren hat eine Punk-Band namens „Normahl“ eine LP aufgenommen, auf der sich auch die legendäre Nummer „Bullenschweine“ befand: „Haut die Bullen platt wie Stullen/haut ihnen ins Gesicht/bis dass der Schädel bricht.“ Ja, schön ist das nicht, aber in seiner Zeitbezogenheit jederzeit reif fürs Deutsche Historische Museum, Abteilung 497, „Das Aufbegehren des Punk“.

Vor allem aber ist es reif für unsere Staatsschützer, die vor einigen Tagen die Wohnungen der inzwischen gealterten Musiker im württembergischen Winnenden umgekrempelt haben, um diesen beispiellosen Abgrund von Gewaltverherrlichung, wie sagt man, auszutrocknen? Vor 20 Jahren hat ein Gericht zwar gefunden, die bösen Zeilen seien durch die Meinungsfreiheit gedeckt, aber gilt das heute noch?

Wir müssen uns nämlich vorstellen, dass da nun zahllose Staats- und Verfassungsschützer ratlos in ihren Büros sitzen. Sie haben das mit den Nazimorden total versemmelt, das war Mist, soll nicht noch mal passieren. Und könnte es nicht sein, dass eine Spur führt vom 80er-Jahre- Punk-Geschrammel bis zu, bis zu … Egal, irgendwohin führt sie sicher, aber um das rauszubekommen, muss eben durchsucht werden.

Wer übrigens mag, der kann sich die „Bullenschweine“ für 89 Cent bei Amazon herunterladen. Oder für 6,99 Euro gleich das ganze Album „Ein Volk steht hinter uns“. Möglicherweise hat der ermittelnde Staatsanwalt das noch nicht mitbekommen. Denn sonst wäre seine Streitmacht incl. SEK und Präzisionsschützen zweifellos schon bei Amazon eingefallen. Und der böse Song wäre längst einstweilig erschossen.

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