Matthies meint : Reform über Bord!

Der Matrose ist die Premium-Ausgabe des Soldaten. Er beherrscht nicht nur den herkömmlichen Militär-Triathlon Schießen-Schlagen-Sprengen aus dem Effeff, sondern kennt auch das maritime Brauchtum rauf und runter. Er vermag Tampen zu spleißen und Rahen zu brassen wie keine Landratte, sein Marlspiekerstek sitzt wie eine Eins, und wenn die Windsbraut, ho, von Achtern mit Macht hereinbraust, dann weicht er dennoch keinen Faden ab vom Kurs um Kap Hoorn.

So weit jedenfalls die Theorie, wie sie auf der Gorch Fock gelehrt wurde, bis das Verhängnis über das schöne Schiff hereinbrach. Die Bewertung der verschiedenen Vorfälle an Bord steht noch aus, aber im Kern wird es wohl darum gehen, ob Anschisse im Dutzend und Eimer mit roher Schweineleber der richtige Weg sind, ja, ob überhaupt das dreigliedrige Ausbildungssystem aus Kraxeln, Kotzen und Kielholen geeignet ist, um den Matrosen auf den Ernstfall vorzubereiten – zumal wenn dieser Ernstfall später darin besteht, die Materialausgabe Priwall zu leiten.

All das ist sehr, sehr relativ. Die rohe Leber beispielsweise dürfte, auf Muslime abgefeuert, den Charakter einer tödlichen Waffe besitzen; im Dschungelcamp wäre sie hingegen eine geschätzte Delikatesse. Generell ist es daher vernünftig, dass die oberste Marineleitung nun nach einem ganz neuen Konzept für die Gorch Fock sucht, einer Idee, wie sich Demokratie und Wehrhaftigkeit zugleich und an Bord eines Schiffes in den jungen, charakterlich ungefestigten Staatsbürger implementieren lassen, und zwar so, dass hinterher nicht wieder alle auf dem flotten Minister herumhacken.

Dabei ist das Modell Segelschiff durchaus erhaltenswert. Denn gerade im Kampf gegen Piraten, deren Umtriebe nach einer am Freitag veröffentlichten Statistik immer mehr zunehmen, könnte die Bundesmarine mit einem stilgerechten Auftreten international Punkte sammeln. Das fängt schon damit an, dass Kapitän Norbert Schatz umgehend durch Captain Jack Sparrow zu ersetzen ist. Auf den Lehrplan gehören Grundkurse in Papageienhaltung, Holzbeinputzen und Spiegelfechten; der Umgang mit Kanonenkugeln muss ebenso geübt werden wie das Lesen von Schatzkarten und das Buddeln mit Rum.

Unerreichtes Vorbild dieser reformierten Ausbildung wäre zweifellos Burt Lancaster in „Der Rote Korsar“. Immer einen coolen Spruch auf den Lippen, griffsicher auch in der höchsten Takelage, beliebt bei der Boulevardpresse – so einer könnte es heute glatt zum Bundesverteidigungsminister bringen.

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