Matthies meint : Scham und Schande im Stellwerk

Reden wir über Deutsche und Österreicher, so liegt darüber immer rasch der Schatten des Österreichers, der die Deutschen in den Abgrund gezogen hat. Und bitte, ich meine damit nicht Krankl und die WMSchmach von Cordoba.

Aber irgendwie zeichnet sich im Verhältnis dieser beiden Länder immer wieder jenes Grundmuster ab, das sich im alten Volksmärchen vom Hasen und Igel findet: Jene, die sich hasenhaft abhetzen und doch immer nur zweiter Sieger in der Furche bleiben, sind selbstverständlich wir Deutschen. Ob Apfelstrudel, Stratosphärensprung oder nur gekonnter Schmäh: Sie sind da drunten meist schneller oder zumindest dauerhaft besser.

Jetzt aber kommt die Einschränkung: Sie lassen in Österreich manchmal Politiker ran, die es selbst in Deutschland schwer hätten. Da tut sich eine fremde Welt auf voll seltsamer Gestalten, und wir hier droben müssen deshalb auch nachfragen, um zu verstehen, was das österreichische Wort des Jahres 2013 bedeutet: Frankschämen?

Aber es ist eigentlich ganz einfach. Sie haben sich im vergehenden Jahr nämlich zwischen Bregenz und Klagenfurt für ihren Möchtegernpolitiker Frank Strohsack geschämt, den berühmten Exilkanadier Fränk Strohnäck, der seine Kampagne zur Wahl mit großen Sprüchen aber so was von vor die Wand gefahren hat. Auch ein Unwort des Jahres haben die Österreicher, es wird praktischerweise von der Uni Graz gleich mit erledigt: inländerfreundlich. Weil es in Wirklichkeit „ausländerfeindlich“ bedeute.

Nein, kein Präjudiz für Deutschland. Denn wir haben uns zwar öfter horstgeschämt, dieses schöne Wort aber nie benutzt. Und natürlich war die vom großen CSU-Zampano nach österreichischem Vorbild propagierte Autobahnmaut zwar inländerfreundlich, aber keineswegs ausländerfeindlich, also bitte!

Das deutsche Wort des Jahres muss deshalb auf ganz anderen gedanklichen Wegen ermittelt werden, möglicherweise den schweizerischen. Dort haben sie das Wort „Stellwerksstörung“ gewählt, das angeblich nicht nur den Zustand der Schweizer Bahnen charakterisiert, sondern auch das gesamte, irgendwie erschlaffte Land. Da hätten wir durchaus ein treffendes Berliner Gegenstück: die „Verzögerung im Betriebsablauf“, die die S-Bahn ebenso hartnäckig im Griff hat wie den Großflughafen. Das passendste deutsche Wort des Jahres: Airportschämen.

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