Matthies meint : Scherenschleifer zu Pflugscharen

Kapitalistische Wirtschaft funktionierte bisher, grob gesagt, so: Einer hatte was, was der andere wollte, dann redete man eine Weile über den Preis, tauschte Ware gegen Geld – und das Ergebnis waren im Großen und Ganzen blühende Landschaften. Nun hat sich bekanntlich im Verhältnis der beiden einiges verändert, und zwar in der verkehrten Richtung: Der eine hat immer noch was, was der andere will, aber der andere hat kein Geld. Bzw.: er will es nicht ausgeben.

Damit unsere Wirtschaft nicht an diesem Dilemma zugrunde geht, ist ein Umdenken nötig, möglicherweise sogar ein Quantensprung oder Paradigmenwechsel: Einigkeit ist nicht mehr nötig, der Konsum wird notfalls mit Gewalt angekurbelt. Ausgangspunkt dürfte die uralte Praxis betrügerischer Scherenschleifer sein, die an der Tür so lange nörgelten, bis ihnen der Bewohner sämtliche Küchenmesser übergab – er bekam sie dann ruiniert zurück und musste den doppelten Neuwert als Arbeitslohn zahlen. So gelangte Geld in den Konsum, widerwillig, aber oho.

Die aktuelle Variante dieser alten Technik kennen wir von der Ampel an der Siegessäule: Dunkle Gestalten schmieren ungefragt auf der Windschutzscheibe herum und halten anschließend die Hand auf. Doch das ist eine rudimentäre Frühform, die längst durch ausgefeilte Arbeitseinsätze abgelöst wurde: Im nordrhein-westfälischen Velbert wurden dieser Tage 15 Briten festgenommen, die mit einem Asphaltkocher herumzogen. Fanden sie einen Hof, ein Grundstück oder eine Einfahrt, teerten sie ungefragt alles einfach zu und überreichten dem Besitzer anschließend die Rechnung, hoch, wie man sich denken kann, und drohend, wie man sich ebenfalls denken kann.

Dieses Vorgehen ist, wie man am Eingreifen der Polizei erkennt, rechtlich umstritten. Anders hätte die Sache ausgesehen, wenn die fleißigen Briten einfach die Schlaglöcher in unseren Straßen repariert und anschließend mit klingendem Spiel vors nächste Rathaus gezogen wären – eine begeisterte Menschenmenge hätte ihnen vermutlich sofort zu ihrem Geld verholfen.

Das alles ist im Grunde nicht sehr exotisch und keineswegs allein auf britische Staatsbürger begrenzt. Denn es gibt ja den begründeten Verdacht, dass die gegenwärtige Bundesregierung gerade ohne sehr viel Rückhalt das Land zuteert und dafür demnächst eine saftige Rechnung präsentieren wird. Mag sein, dass sie die neuen Methoden schon besser beherrscht, als wir ahnen.

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