Matthies meint : Schnäppchen fürs Gemüt

Weihnachten denken wir un weigerlich an die letzten Dinge, an jene, die die Welt im Innersten zusammenhalten. Liebe, Quarkstrings, Zweikomponentenkleber? Wir wissen wenig über deren Wirkungsweise. Aber das Geld! Da haben wir seinerzeit, nachdem die Deutsche Mark verschwunden war, noch sehr gehofft, dass es sich um ein lokal begrenztes Phänomen handeln würde. Doch nun ist auch alles andere Geld weg, Euro, Dollar, Yin, Yang, egal. Möglicherweise hat jemand im All eine Neutronenbombe gezündet, eine hocheffektive, die Gebäude und Menschen heil lässt und ihnen einfach nur, puff, die Konten leer schießt. Wer untersucht’s? 007? NKWD? Verbraucherzentrale?

Im Grunde bleibt der Menschheit nur noch ein sehr altes Rezept: der Glaube an ein höheres Wesen. Zum Fest geben wir diesem Glauben viel Raum und streben in die christlichen Kirchen wie sonst nur in die Philharmonie oder Nationalgalerie. Parkett zweite Reihe Dorfkirche mit Predigt und Musik für gerade mal, sagen wir, zehn Kollekten-Euro pro Familie, das ist ein echtes Schnäppchen fürs Gemüt.

Möglicherweise nimmt es dem Ganzen den Zauber, wenn man unvermittelt nach den Parteipräferenzen der Weihnachtsgottesdienstchristen fragt, wie es die Leute von „Cicero“ gerade getan haben. Lauter überraschende Zahlen! 55 Prozent der CDU/CSU-Anhänger wollen gehen, klar – aber 56 Prozent der FDP-Bekenner. Das ist insofern verblüffend, als wir im Dunstkreis der Liberalen ja eher agnostische Freigeister wähnten, ihre Chancen kühl nutzend, die stählerne Faust des Marktes im sozialen Samthandschuh nur oberflächlich verpackt. McKinseyaner, denen zur Kirche eigentlich nur die Frage einfällt, ob man die nicht auch priva tisieren und den Pastor zum God’s account manager umtaufen könne.

Oh, es könnte ein Ablasshandel sein, der Versuch, Verstöße gegen das 8. Gebot zu heilen, das seit 2008 bekanntlich lautet: „Du sollst nicht neoliberal Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Andererseits erfahren wir aus der Umfrage, dass auch 24 Prozent der Anhänger der Linkspartei daran denken, Weihnachten in die Kirchen zu streben. Dabei war die Erkenntnis der „Internationale“ in dieser Frage eindeutig: „Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun …“

Wer weiß? Vielleicht ahnen sie alle einfach nur, dass die Welt im Innersten von Orgelmusik und schönen alten Liedern zusammengehalten wird.

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