Matthies meint : So wird Wählen wieder spannend

Wahlforscher klagen darüber, dass das Interesse an Landtagswahlen immer mehr zurückgeht – nicht erst seit Hessen, sondern eigentlich schon seit Ade nau er. Das ist prinzipiell verständlich, denn damals grassierte die Langeweile. Die Menschen kamen sonntags um elf erbaut aus der Kirche, das Auto war gewaschen, die Kinder gebadet, der Sauerbraten in der Röhre, und im Fernsehen gab es nichts als Werner Höfer und Meister Nadelöhr. Da nahm man gern das Angebot an, völlig gratis an einer kleinen Regierungsumfrage teilnehmen zu dürfen, und wählte, was der Zettel hergab.

Heute sieht das ganz anders aus. Jeder Sonntag ist ein Tag der Zerstreuung. Fernseher, DVD, Internet und Playstation brummen, und wir haben beim Essen bestellen die Wahl zwischen Pizza Funghi, Ente süß-sauer und Tripelwhopper, was bei vielen von uns die Entscheidungskapazität voll auslastet. Da ist für landtägliche Politikprobleme einfach kein Raum mehr, da kann Schäfer-Gümbel twittern, so viel er will. Geht es um Merkel oder nichts, raffen sich die Leute noch auf, sonst herrscht Flaute.

Dabei ist das Gegenmittel längst bekannt: Privatisierung. Während der Staat in seinen bürokratischen Vorbehalten steckt, können private Veranstalter frei handeln und neue Erfolgsmodelle ausprobieren. Es ist kein Zufall, dass schon in der legendären RTL-Strip-Show „Tutti Frutti“ Länderpunkte verteilt wurden, eine Vorstufe von Erst- und Zweitstimme sowie, vor allem, Überhangmandat.

Heute sind es vor allem Mitmachmodelle, die uns begeistern. Weder Superstar-Shows noch Ekelkonzepte wie das aktuell blühende Dschungel-TV kommen ohne Zuschauerbeteiligung aus, jeder hat die Wahl, und die Wahl hat ein konkretes Ergebnis. Wäre es also in Hessen möglich gewesen, Roland Koch für eine Prüfung zu nominieren, ihn beispielsweise bis zum Hals in laue Soljanka zu tunken und dabei eine lebendig krabbelnde Prachtausgabe des Kommunistischen Manifests aufessen zu lassen, dann hätten sich schon engagierte Wähler gefunden.

Umgekehrt würde es die Saarland-Wahl sehr viel interessanter machen, wenn Oskar L. plötzlich nach allerhand Schlammbädern von den Zuschauern herausgewählt würde, wie es soeben einem gewissen Peter Bond im Dschungelcamp geschah. Tränen! Verzweiflung! Liebe! Hass! Ja, die Landtagswahlen müssen wieder menschlicher werden, privater.

Angela Merkel können wir dann ja wieder ganz normal wählen. So wie damals, als die Kinder am Wochenende noch gebadet wurden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben