Matthies meint : Sozialismus im Schafspelz

Manchmal möchte man was Bestimmtes sagen, traut sich aber nicht. Ja! Das passiert auch hauptberuflichen Kolumnisten. Beispielsweise: am Internationalen Frauentag herumfingern. Wer so etwas tut, der hat nicht nur die komplette UN gegen sich, sondern auch den Verein der Freunde Clara Zetkins, die Gender-Professorinnen, die Linkspartei und seinen eigenen Leserbriefredakteur, der den Empör-Tsunami als Erster abbekommt. Die Zustimmung, die es vermutlich von den Herren Broder und Bohlen geben würde, kann das nicht aufwiegen.

Anders sieht die Sache aus, wenn sich, sagen wir, Alice Schwarzer gegen den Frauentag ausspräche. Und bitte: Schon tut sie es. Der Tag ist für sie der „fortgeführte Muttertag des damaligen Ostblocks“, ein Fall von „Sozialismus im Schafspelz”. In den sozialistischen Ländern seien die oberen Etagen frauenfrei gewesen und die Übernahme dieses „sozialistischen Frauentags“ der „blanke Hohn“.

Nicht falsch, aber sehr herzlos von Frau Schwarzer. Wer einmal gesehen hat, wie innerhalb eines Betriebes die Erwartungen (Ost) mit der Ignoranz (West) hart zusammenprallen, der ahnt, dass es hier ums emotionell Eingemachte geht, so etwas lässt sich ebenso wenig abschaffen wie der West-Muttertag, eine an sich harmlose, aber durch die Nazis kontaminierte US-Erfindung.

Nehmen wir’s sportlich. Der Frauentag löst alljährlich eine Lawine von sinnstiftenden Erkenntnissen aus, die es ohne ihn nie gegeben hätte. Und so wüssten wir ohne ihn nicht, dass Frauen die besseren Politiker/Sachbearbeiter/Menschen sind, dafür aber schlechter bezahlt werden als die Männer, die sich nur beim Busengrabschen und Hinternkneifen hervortun. Und sie sind, das ist seit dem Frauentag 2010 amtlich, auch die besseren Autofahrer. Der Auto-Club Europa hat ermittelt, dass sie weniger durch Alkoholdelikte und Aggressivität auffallen und weniger Unfälle mit Personenschaden verursachen.

Ahnten wir schon. Das hier aber nicht: Die sichersten Fahrerinnen nämlich finden sich in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, die unsichersten im Saarland, in Niedersachsen und Bayern. Warum? Sind die Ostfrauen überwiegend in besonders harmlosen Kleinstwagen unterwegs? Oder liegt es an der sensiblen Behandlung, die ihnen die UN in Gestalt des Frauentages angedeihen lässt? Wir müssten unbedingt mehr über Alice Schwarzers Fahrverhalten wissen. Vielleicht ein Thema für den 8. März 2011?

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